Offene Fragen

Was passiert eigentlich bei Halluzinationen?

Was die Wissenschaft (noch) nicht weiss

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Psychedelika, also „die Seele offenbarende Substanzen“, sind seit Jahrtausenden im menschlichen Gehirn im Einsatz. Wie sie unsere grauen Zellen manipulieren, weiß die Wissenschaft aber immer noch nicht ganz genau. Einigermaßen klar ist immerhin, dass die Rauschmittel an Rezeptoren für Neurotransmitter andocken.

Mit diesen Botenstoffen im Gehirn wird der Spalt zwischen den Ausläufern zweier Nervenzellen überbrückt. An ihrer statt drängeln sich die psychedelischen Wirkstoffe rein und sorgen für Verwirrung. Viele halluzinogene Substanzen ähneln in ihrer Struktur offenbar Serotonin, einem der wichtigsten Nervenbotenstoffe. Halluzinationen dürften vor allem durch Aktivierung des sogenannten Serotonin-2A-Rezeptors entstehen. Rätselhaft ist, warum LSD diesen Rezeptor ziemlich unbehelligt lässt, aber dennoch für die wildesten Veränderungen der Wahrnehmung sorgt.

Neueren Untersuchungen zufolge wirken Drogen nicht zuletzt auch auf das Stirnhirn und den Thalamus, das „Tor zur Wahrnehmung“. Die beiden Hirnregionen spielen eine zentrale Rolle für die Bewusstseinsbildung und die Konstruktion der Realität. Eine neuere Halluzinationstheorie besagt, dass LSD und Co verhindern, dass die Sinneseindrücke am „Tor der Wahrnehmung“ vorsortiert werden. Warum aber sind die Bilder, die Berauschte im Kopf sehen, oft geometrisch abstrakt, spiralig oder schachbrettartig? Forscher aus dem Fachbereich Mathematik (ausgerechnet?) der Universität Utah meinten vor einigen Jahren, dass das von einer Hirnregion herrühren könnte, die unberauscht für die Verarbeitung von Umrissen und Kanten zuständig ist.

Warum sich der Ruf von LSD Mitte der 1960er-Jahre so schlagartig verschlechterte, ist auch eine offene Frage, diesmal eine für Historiker und Soziologen. Gut, es war ungefähr zehnmal so viel LSD im Umlauf wie heute, und US-Präsident Nixon hielt LSD-Papst Timothy Leary für den gefährlichsten Mann Amerikas. Das erklärt aber nicht, warum in den zwei Jahrzehnten nach der Entdeckung von LSD im Jahre 1943 tausende Untersuchungen über die Anwendung des Halluzinogens durchgeführt wurden und ab Mitte der 1960er-Jahre nur mehr ganz wenige. Und schließlich darf man sich auch noch fragen, warum die LSD-Forschung ausgerechnet in den letzten Jahren wieder neue Impulse erhielt. Und was sie uns noch alles bescheren wird.

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