Wer verteilt das Essen?

Martina Powell | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

In Haiti teilte die UN Essen nur an Frauen aus. Genderexpertinnen kritisieren diese Praxis

Eine Meldung Anfang Jänner über die Erdbebenkatastrophe in Haiti: Wegen Rangeleien an den Verteilstellen hatte das UN-Welternährungsprogramm (WFP) für Frauen gesonderte Lebensmittelausgaben eingerichtet. Mit robusteren Verteilungssystemen erreiche man mehr Menschen schneller. Die deutsche Genderexpertin Antje Schrupp bloggt daraufhin: „Wenn ich solche Nachrichten lese, bin ich gleichzeitig erleichtert und verärgert. Erleichtert, weil es offenbar so ist, dass es bei der Verteilung von Lebensnotwendigem gerechter zugeht, wenn man es Frauen anvertraut. Verärgert bin ich, weil sich an dem Schema so niemals etwas ändert, wonach man sich immer auf die Frauen verlässt, wenn es um das Gemeinwohl geht.“ Für Schrupp arbeitet die WFP mit veralteten Geschlechterrollen: Männer sollen in der Öffentlichkeit in Konkurrenz mit anderen Männern treten. Frauen sollen sich selbstlos und uneigennützig um die Familie kümmern.

Petra Dannecker, Professorin für Soziologie und Genderforschung an der Uni Wien stimmt Schrupp zu: Mit dem Verteilerprogramm der WFP würden Frauen als Opfer konstruiert und zu „food providers“ instrumentalisiert. Sie lehnt es aber ab, derartig heftig Kritik zu üben wie ihre Kollegin: „Katastrophenhilfe ist etwas anderes als langfristige Entwicklungshilfe. Im Fall Haitis geht es um das Erreichen einer Bevölkerungsgruppe in einer Notsituation.“ Statt kurzfristige Projekte zu zerlegen, müsste man sich eher die Frage stellen, wie sich die Hilfe in Haiti weiterentwickelt. Für Dannecker offenbart die Diskussion ein anderes Problem: „In der Forschung fällt es leicht zu kritisieren – aber schwer, die Theorie in Praxis umzusetzen.“

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