Gentechnik

Gentests an Babys

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Gentechnologie – eine Branche, an die sich die Wachstumshoffnungen der Zukunft knüpfen. Dabei ist auf den ersten Blick nicht viel zu sehen: Ein Gen besteht aus einer bestimmten Basenfolge, die als Code der Erbsubstanz gilt. Gene reihen sich auf Chromosomen, die sich im Zellkern befinden, ähnlich wie Perlen auf der entsprechenden Schnur. Gene mit ihrem Code bilden Information, die im Zellkern durch biochemische Vorgänge in Eiweiß (Protein) umgesetzt wird und für Zellteilung und Wachstum sorgt. Jeder Mensch verfügt über 30.000 Gene.

Voraussetzung für Wachstumshoffnungen, i.e. gute Geschäfte, auf diesem Gebiet ist die Genforschung. Ihre Gegner sehen darin freilich nur das Schreckliche wachsen: Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer nach genetischen Merkmalen auswählen, Krankenkassen, die ihre Klientel gemäß genetischer Merkmale sortieren, und Klone als menschliche Ersatzteillager.

Wissenschaftler wie der Wiener Gynäkologe Ernst Kubista und der Genetiker Markus Hengstschläger können solchen Vorstellungen nichts abgewinnen. Sie verweisen auf das in Österreich streng gehandhabte Gentechnikgesetz. Diese verhindere, dass Unternehmen und Kassen an entsprechende Daten von Personen gelangen. Klone am freien Markt klingen für die beiden Universitätsprofessoren nach Science-Fiction.

Markus Hengstschläger beklagt die in Österreich für ihn nicht nachvollziehbare Skepsis: „Es gibt noch eine Schere zwischen dem, was in den Genen bereits gelesen werden kann, und dem, was in Form von Vorsorge oder Therapie gegen Krankheiten getan werden könnte.“ Er ist überzeugt, dass herkömmliche Medizin an ihre Grenzen stößt: „Wir werden keine Krankheiten mehr heilen, indem wir Knochen zählen oder den Venen und Arterien lateinische Namen geben.“ Molekulare Forschung ist für Hengstschläger die Zukunft. Hier braucht es intensive Grundlagenforschung, damit man den „kranken Genen“ entkommen kann.

Große Bedeutung misst Hengstschläger dem Screening von Neugeborenen zu. Dabei werden einige Blutstropfen aus der Ferse des Babys entnommen. Lässt sich ein mutiertes Gen erkennen, könnte man in bestimmten Fällen dramatische spätere Erkrankungen wie etwa eine geistige Behinderung rechtzeitig therapieren.

Manche Gentests, wie die Untersuchung auf ererbten Brust- und Eierstockkrebs oder Dickdarmkrebs, haben laut Ernst Kubista bereits eine 100-prozentige Aussagekraft. Auch in der Neurologie entdeckt man genetische Veränderungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erkrankung im höheren Lebensalter erwarten lassen: etwa Chorea Huntington, eine Erkrankung, die im mittleren Lebensalter auftritt und derzeit noch nicht behandelbar ist.

Alle anderen derzeitigen genetischen Vorhersagen haben laut Kubista einen „Erwartungsgrad“ von maximal 30 bis 50 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens ist begrenzt und von unterschiedlichen Umweltfaktoren abhängig.

„Wissen über eine mögliche spätere Erkrankung hat nur dann einen Sinn, wenn es dafür Behandlungs- und Früherkennungsmethoden gibt oder der Betroffene präventive Maßnahmen in der Lebensführung setzen kann“, sagt Kubista. „Es bringt nichts, genetische Veränderungen zu untersuchen, die zu Erkenntnissen führen, an die keine Konsequenzen geknüpft werden können. Sie belasten den Betreffenden und seine Familie letztlich nur. Markus Hengstschläger sieht es ähnlich: „Nur dort, wo ein kausaler Zusammenhang von genetischer Veränderung und Erkrankung nachgewiesen ist und wo es auch eine Prophylaxe bzw. Therapie gibt, ist ein Gentest sinnvoll.“

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