Chirurgie

Skalpell gegen Fettsucht

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Es klingt paradox: Wir erfahren aus Medien ständig vom Hunger in der Welt. Doch unter Medizinern gilt etwas anderes als größte Bedrohung für Menschen: Fehlernährung mit Übergewicht. In den USA sind zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung krankhaft übergewichtig. Das Problem betrifft auch Europa, Australien, Russland, Brasilien und China. Laut einer aktuellen OECD-Studie sind 24 Prozent der Briten mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 krankhaft dick – in Österreich neun Prozent, Tendenz steigend.

„Es ist ein fataler Irrtum, dem alten Dogma von drei warmen Mahlzeiten am Tag zu folgen“, warnt Univ.-Prof. Wolfgang Feil, Vorstand der Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus in Wien. „Das gilt, wenn überhaupt, nur für Schwerstarbeiter, aber sicher nicht für Büromenschen – egal wie aktiv sie sind.“ 75 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck, 50 Prozent jener mit erhöhten Blutfetten und 90 Prozent der Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig. Krankhafte Fettsucht (Adipositas) hat Folgen: Das Typ-2-Diabetes-Risiko steigt bei Übergewichtigen auf das 40-Fache. Bei einem BMI von über 35 verdoppelt sich das Sterberisiko, bei einem übergewichtigen Diabetiker verzehnfacht es sich. Das Krebsrisiko beträgt das Dreifache, das Herzinfarktrisiko ist doppelt so hoch.

Adipositas gilt als genetisch vorbestimmt. Das menschliche Genom ist programmiert, Hunger nicht zuzulassen und überschüssige Energie zu bewahren. Ein geringer Teil dieser Energie kann in Leber und Muskulatur als Stärke gespeichert und bei Bedarf rasch in Zucker umgewandelt werden. Der größte Teil gelangt ins Fettgewebe und lässt sich nur mühsam mobilisieren. Ein weiterer Teil wird zu Wärme.

Es ist genetisch vorgegeben, ob überschüssige Energie vorwiegend zu Wärme und abgegeben wird oder in die Fettspeicher wandert. Ist normales Körpergewicht programmiert, wird das Sättigungsgefühl rascher erreicht, überschüssige Energie als Wärme abgegeben und der Grundumsatz gesteigert. Steht die Genprogrammierung auf Übergewicht, wird überschüssige Energie sofort als Fett gespeichert, das Sättigungsgefühl stellt sich erst später ein.

Die menschlichen Gene haben sich seit 300.000 Jahren nicht verändert, wohl aber die Lebens- und Essgewohnheiten. Einzig von ihnen hängt es ab, ob die genotypische Veranlagung relevant wird. Adipositas ist auch ein soziales Phänomen. Sie gilt vorwiegend als Problem sozialer Unterschichten. Sie essen statt teurerer gesunder Nahrung wie Obst und frisches Gemüse günstigeres „Junk Food“. Außerdem sind ihre Arbeitszeiten meist kürzer, was das Verlangen nach Unterhaltung steigert, die meist auch mit der Aufnahme von Junk Food einhergeht.

„Man muss endlich beim Fastfood ansetzen und nicht bei Diäten. Diese versagen bei über 90 Prozent aller krankhaft Übergewichtigen“, sagt Univ.-Prof. Albert Tuchmann, Leiter der Chirurgie am Floridsdorfer Krankenhaus. „Die lapidare Empfehlung, essen S’ halt weniger, ist für einen 140-Kilo-Mann, der dringend abnehmen muss, wenig zielführend.“ Nimmt der Übergewichtige durch eine Crashdiät rasch ab, kommt es vor allem zu einer Reduktion der Muskelmasse, erst später zur Reduktion der Fettdepots. Beginnt er wieder zu essen, giert sein Körper nach dem genetisch programmierten Ziel und wandelt zugeführte Energie sofort in Fettgewebe um, ohne den Grundumsatz zu steigern und mehr Wärme abzugeben.

Daher setzen Chirurgen auf Eingriffe zur effizienten Gewichtsreduktion. Vor allem dort, wo die Gefahr gesundheitlicher Folgeschäden rasches Abnehmen erfordert. Die Adipositaschirurgie soll Nahrungsaufnahme und Absorption von Nahrung (Kalorien) im Magen-Darm-Kanal einschränken. „Bei den „restriktiven“ Operationen wie Magenband oder -bypass wird der Mageneingang eingeengt bzw. der Magen ausgeschaltet. Bei den „malabsorptiven““ Operationen wie dem Duodenalswitch wird vor allem der Dünndarm als Resorptionsoberfläche umgangen“, erklärt Wolfgang Feil. Manche Operationen vereinigen beide Formen in sich. „Die Auswahl der geeigneten Operation hat immer individuell zu erfolgen.“

Internationale Studien belegen, dass Typ-2-Diabetes bei rund drei Viertel der Patienten mit krankhaftem Übergewicht durch eine Operation geheilt werden kann. „80 Prozent aller Typ-2-Diabetiker benötigen nach einem Magenbypass keine Medikamente mehr und haben einen normalen Zuckerstoffwechsel“, sagt Univ.-Prof. Gerhard Prager, Leiter der Arbeitsgruppe Adipositaschirurgie an der Universitätsklinik für Chirurgie in Wien. „Geringeres Gewicht führt zu einer verringerten Sterblichkeit, zu weniger Herzinfarkten und weniger Krebsfällen.“

Wenn bei einem BMI von über 35 alle Diäten erfolglos geblieben sind, ist der chirurgische Eingriff eine Option, „natürlich nach Ausschöpfen aller konservativen Maßnahmen“, sagt Prager, der auch schwerst übergewichtige Jugendliche zu seinen Patienten zählt.

Um Gewicht zu reduzieren, ist je nach Art der Operation mehr oder weniger „Mitarbeit“ des Patienten erforderlich: „Das verstellbare Magenband ist die geringste Stütze. Der Patient muss sehr stark an einer Umstellung seiner Ernährungsgewohnheiten arbeiten, etwa langsam essen und gut kauen. Arbeitet er nicht mit, wird er nicht genug abnehmen.“ Ein Patient mit Magenbypass hingegen muss relativ weniger mittun. „Der Bypass greift viel stärker in die hormonelle Regulation von Hunger und Sättigung ein. Das Hungerhormon Ghrelin wird runterreguliert, das Sättigungshormon PYY 3-36 wird hinaufreguliert. Daher ist auch die Schwankungsbreite des Gewichtsverlustes nach der Magenbypass-OP viel geringer“, sagt Gerhard Prager.

„Mancher, bei dem gesundheitliche Argumente wie Bluthochdruck und die Gefahr von Typ-2-Diabetes jahrelang nicht zogen, kommt jetzt und will seine überschüssigen Kilos aus Jobgründen rasch loswerden“, sagt der Wiener Internist und Vorsorgemediziner Miro Urlicic, der zu diesem Zweck eigens ein „Schlank-Schlemmer-Programm“ anbietet.

„Abspecken ist durchaus in“, erfährt der Personalberater Karl Piswanger in der täglichen Praxis bei zahlreichen Firmen. Sie befürchten bei stark Übergewichtigen Gesundheitsprobleme. „Allerdings relativiert sich der Trend ein wenig bei hochspezialisierten Positionen.“

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