Diagnostik

Der Hund riecht den Krebs

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Ein kurzes Schnuppern mit der Nase, und die Diagnose steht fest. Mit ihren Riechkünsten können Hunde mehreren Studien zufolge Krebs am Atem des Patienten erschnüffeln.

Ein Forscherteam um Michael McCulloch von der kalifornischen Pine Street Klinik hat fünf Testtiere – drei Labradore und zwei portugiesische Wasserhunde – drei Wochen lang darauf trainiert, anhand von Atemproben Lungen- und Brustkrebs zu erkennen. Mittels klassischer Belohnungsstrategie wurden die Hunde motiviert, sich beim Erschnüffeln einer krebsbelasteten Atemprobe hinzusetzen bzw. hinzulegen.

55 Patienten mit Lungenkrebs, 31 mit Brustkrebs und 83 Gesunde hatten in Plastikröhrchen zu pusten, an denen die Hunde dann schnüffelten. Das verblüffende Ergebnis: in 88 bis 97 Prozent lagen die Tiere richtig, unabhängig vom Stadium der Krankheit. McCulloch und sein Team kamen zum Schluss, diese Atemanalyse könnte dazu beitragen, Früherkennungs-Unsicherheiten bei der Diagnose zu reduzieren.

Auch britische Wissenschaftler sind bei Blasenkrebspatienten längst „auf den Hund gekommen“. Nach Schnuppern an Urinproben hatten die Tiere allerdings eine bescheidene Trefferquote von 41 Prozent erzielt. Bereits 1989 hatte das Medizinjournal The Lancet über einen Vierbeiner berichtet, der ständig intensiv am noch nicht diagnostizierten Hautkrebs seiner Besitzerin schnupperte und für seine diagnostischen Fähigkeiten später als „America’s Top Dog“ ausgezeichnet wurde.

Echte Vision oder Spielerei einzelner Forscher? Krebszellen enthalten typische Inhaltsstoffe wie Benzole und alkalische Duftnoten, die für Hundenasen eindeutig erkenn- und unterscheidbar sind.

„Der Ansatz, dass sich Tumore durch einen charakteristischen Geruch in den Körpersekreten verraten, kann bei der Entwicklung sogenannter elektronischer Nasen zur Früherkennung von Krebs helfen“, erklärt Jürgen Lösch vom Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg.

„Bei Ausbildung und Training von Krebshunden wird das einzigartige Geruchsvermögen eingesetzt, um Geruchsproben von gesunden und kranken Menschen zu unterscheiden“, bestätigt Wolfgang Gleichwert, Projektleiter der Krebssuchhundestaffel im steirischen Zeltweg. Auch er beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Thematik und hat eine spezielle Methode entwickelt, Atemluftproben von Menschen zu konservieren, um sie von Vierbeinern „auswerten“ zu lassen.

Simpler Geruchstest statt belastender Untersuchungen? Die Aussicht, dass Hunde schon sehr frühe Stadien von Lungen- oder Brustkrebs entdecken können, klingt zwar fantastisch. Dass sich daraus Entwicklungsansätze für standardmäßig eingesetzte elektronische Nasen ergeben könnten, scheint aber durchaus plausibel. Medizintechnik und Pharmaforschung nehmen das Projekt jedenfalls ernst.

Ganz neu ist die Idee vom Hund als „Assistenzarzt“ übrigens auch nicht. Denn den Chinesen war schon vor 3000 Jahren bekannt, dass die empfindliche Hundnase frühzeitig Krankheiten bei Menschen erschnüffeln kann.

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