Zoologie

Tiere essen uns auch

Bettina Benedikt | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Mann beißt Hund, soll einer alten Journalistenweisheit gemäß eine Geschichte sein. In China ist sie es aber wohl nur für den Gourmetkritiker, dort beißen der Mann, die Frau und das Kind ganz gern in den Hund. Umgekehrt kommt es auch bei uns vor. Dann freilich ist es kein kulinarischer Genuss, sondern ein Unglück.

Menschen spielen mit ihrem Leben, wenn sie bei Tieren Schwächen zeigen. Das gilt für den Erlebnispark in Orlando genauso wie für den Beserlpark in Wien. So attackierte im Erlebnispark SeaWorld im Februar der Schwertwal Tillikum seine Trainerin Dawn Brancheau: 5,5 Tonnen auf fast sieben Meter gegen 55 Kilo und 1,65 Meter Körpergröße. Diese Unterlegenheit wurde der Waltrainerin am Ende zum Verhängnis. Es muss aber wohl schon vorher beim Kontakt zwischen Mensch und Tier etwas falsch gelaufen sein.

„Überheblichkeit“, meint der Zoologe und Tierarzt Herbert Schramm aus Ternitz. „Der Mensch maßt sich an, Wildtiere gefangen zu halten. Dabei muss ihm bewusst sein, dass er sie nicht zivilisieren kann.“ Gerade dieses Bewusstsein ist für den Menschen im Umgang mit Tieren überlebenswichtig.

Auch Michael Martys, Innsbrucker Biologe, Verhaltensforscher und Direktor des Alpenzoos, betont: „Wenn ein Mensch mit Wildtieren in Kontakt tritt, dann sollte er dies nur mit größter Konzentration und in dem Bewusstsein tun, dass ein Wildtier immer ein Wildtier bleibt.“

Schon eine kleine Konzentrationsschwäche kann fatal sein. Wie bei jenem Tigerdompteur in Hamburg, der im Dezember 2009 beim Betreten des Käfigs stolpert und stürzt. Die Tiger greifen an und verletzen ihn lebensgefährlich. Die niederösterreichische Tierärztin Renate Brezovsky vermutet: „Wenn der Dompteur stolpert und dabei mit den Armen rudert, stellt diese hektische Bewegung womöglich eine Bedrohung für die Tiger dar.“ Michael Martys sieht außerdem ein Erkennungsproblem: „Wenn der Dompteur am Boden liegt, zeigt er ein Verhalten, das die Tiger nicht gelernt haben. Ein solches ihnen unbekannte Verhalten kann bei den Tieren Beutefang auslösen.“

Das Beutefangverhalten ist bei Raubtieren angeboren wie das Erkämpfen einer Rangordnung oder das Verteidigen eines Territoriums. Ebenfalls genetisch festgelegt ist das Aggressionspotenzial – beim Schwertwal geradeso wie beim Hund. Die innere Bereitschaft zum Angreifen erhöht der Mensch gezielt beim Züchten bestimmter Hunderassen und verstärkt sie durch Erziehung. Ein Schlüsselreiz von außen kann dann auch ein Unglück auslösen. Vorbeugende Maßnahmen scheitern in vielen Fällen an der Entscheidungsschwäche von Hundebesitzern. „Wenn ich dazu rate, aggressive Hunde zu kastrieren oder ihnen Glückshormone zur Entspannung zu verabreichen, wird das leider oft nicht befolgt“, erklärt Renate Brezovsky.

Hätte Waltrainerin Dawn Brancheau etwas besser machen können? „Nein“, sagt Herbert Schramm, „wir können gar nicht genügend Voraussetzungen erfüllen, damit nichts passiert. Weil eben immer etwas passieren kann. Vielleicht hatte der Wal einfach nur einen schlechten Tag.“

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