Soziologie

Sie fühlen sich unsicher

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Eine neue Studie zeigt, dass es um das Sicherheitsgefühl von Migranten schlecht bestellt ist. Das größte Problem ist ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Auch Armut und Fremdenfeindlichkeit spielen eine Rolle.

Mediale und politische Diskurse verknüpfen Migration und Kriminalität einseitig: Das Wort „Sicherheit“ erscheint im Zusammenhang mit Ausländern als Sicherheit vor Ausländern. Nun befasst sich eine Studie mit der Frage, wie es um das Sicherheitsgefühl der Fremden selbst bestellt ist. Sie wurde im Rahmen des Sicherheitsforschungs-Förderprogramms KIRAS, einer Initiative des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie vom Forschungsinstitut des Roten Kreuzes gemeinsam mit der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und dem Sozialforschungsinstitut SORA durchgeführt.

Die Studie verarbeitet 36 qualitative Interviews mit Migranten unterschiedlicher Herkunft. Edith Enzenhofer, eine der Autorinnen, berichtet: „Es gibt drei wesentliche Erkenntnisse. Erstens: Leben auf Zeit lässt kein Sicherheitsgefühl zu. Wer nicht weiß, ob er nicht vielleicht bald abgeschoben wird, lebt in ständiger Angst. Das macht jede Lebensplanung zunichte. Das zweite ist Armut. Das reicht von der niedrigen Pension eines Gastarbeiters bis hin zu Asylwerbern, die gar nicht arbeiten dürfen. Eine Asylwerberin hat erzählt, sie wollte sich mit zehn Euro ein Packerl Zigaretten am Automaten kaufen. Dann ist kein Wechselgeld herausgekommen, und sie hat gewusst: Heute gibt es für die Familie kein Nachtmahl. Der dritte Punkt ist Fremdenfeindlichkeit. Ausnahmslos alle wurden schon einmal Opfer von Fremdenfeindlichkeit. Das hat uns erschüttert.“

Der Kriminalsoziologe Arno Pilgram war im Beraterteam für die Studie. „Eines der Sicherheitsprobleme jener mit unsicherem Aufenthaltsstatus ist, dass sie öffentliche Stellen und Rechtsschutz nicht im selben Maße nützen können wie andere. Viele trauen den Behörden nicht. Das schafft Unbehagen. Migration an sich ist ja Suche nach Sicherheit. Und nun wird hier auch diese Hoffnung oft enttäuscht. Die Unsicherheit wird von Migranten durch Überangepasstheit bewältigt, oder durch das Hinnehmen schlechter Behandlung, etwa Unterbezahlung. So jemand geht auf kein Amt, um sein Recht einzufordern.“

Pilgram schätzt an dieser Studie, „dass sie nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt, à la ‚behandelt sie gut, um eurer eigenen Sicherheit willen; sonst sind das tickende Zeitbomben‘. Zu viel wird nur aus der Sicherheitsverbesserungsperspektive beurteilt. Aber diese Studie hat für mich Sozialreportage-Charakter.“

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