Kommentar

Der Muse reicht’s

Arkadenhof der Uni Wien

Erich Klein | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Hundert Jahre nach der ersten Promotion einer Frau an der Uni Wien, dachten die Verantwortlichen, muss etwas geschehen. Uni und Gebäudeverwalter BIG schrieben einen Wettbewerb aus. Ihn gewann die Wienerin Iris Andraschek mit „Der Muse reicht’s“.

Das Werk im Arkadenhof des Hauptgebäudes ist ein ironischer Kommentar. Noch immer gilt Musils Regel, Denkmäler haben es an sich, dass sie nicht beachtet werden. Ohnedies musste eine Frau zumindest Kaiserin sein, um eines zu bekommen. Der Volksmund witzelte über Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, sie stehe vor dem Parlament, weil drinnen keine Weisheit herrsche.

Im universitären Tempel des Wissens ist mit Monumenten nicht mehr zu spaßen: Der Siegfriedkopf in der Eingangshalle, vor dem studierende Nazis seinerzeit „Juden raus, Sozis raus!“ skandierten, bekam letzthin einen Glassturz samt polit-korrektem Kontext; gleichzeitig wurde er dezent zur Seite gerückt.

Dahinter öffnet sich das Tor zum Walhalla der Geisteswelt um 1900: die aufkommende Wissensgesellschaft erstarrte dort zu 150 Büsten und Gedenktafeln bedeutender Männer aller Fakultäten. Verfassungsvater Kelsen und Nobelpreisphysiker Schrödinger kamen in den 80ern, später Freud und die von den Nazis ermordeten Koryphäen der medizinischen Fakultät dazu. Die einzige Frau unter all dem ist Marie von Ebner-Eschenbach – und Castalia, die in der Mitte sitzende Quelle und Muse der Inspiration.

Iris Andraschek installierte zu Füßen dieses Symbols der Aufklärung einen monumentalen Schatten quer durch den Hof. Die Silhouette einer Frauenfigur mit erhobener Hand entspricht den Regeln von Kunst am Bau in historischen Ensembles, stößt sie um und nimmt dabei die ganze Geschichte mit.

Das Pathos des Aufbruches, als wären alle Frauen in Gestalt dieses Schattens von den umstehenden Säulensockeln gestiegen, ist Erinnerung und Aufforderung an Männer wie Frauen. Zumindest kann man die angebrachte, höchst sperrige Inschrift so lesen: „Erinnerung an die nicht stattgefundenen Ehrungen von Wissenschaftlerinnen – und an das Versäumnis, deren Leistungen an der Universität Wien zu würdigen.“ Wie wird es gewesen sein, wenn ein Denkmal nicht nur Denkmal bleibt. Sind Frauen nur Opfer? Der Muse reicht’s, ist ziemlich zweideutig. Und man muss dabei aufpassen, nicht über die Stiegen zu stolpern.

Tipp: Erich Klein in der Reihe City-Walks, Falter Verlag: „Denkwürdiges Wien, 3 Routen zu Mahnmalen, Gedenkstätten und Orten der Erinnerung“

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