„Nicht zufriedenstellend“

aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Wissenschafts-ministerin Beatrix Karl über die Chancen von Frauen in Wissenschaft und Gesellschaft

Falter HEUREKA: Frau Ministerin, Sie sind Juristin. Gibt es eine juristische Definition von Frau?

Beatrix Karl: Frauen und Männer sind Menschen. Das muss man nicht juristisch erklären.

Frauen erhalten für gleiche Arbeit nur in seltenen Fällen dasselbe Gehalt wie Männer …

Beatrix Karl: Dass die Einkommensschere nach wie vor so weit auseinanderklafft, ist ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Die Arbeit von Frauen und Männern ist gleich viel wert und muss daher auch in derselben Höhe abgegolten werden. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist selbstverständlich einklagbar. Aber auch die EU plant hier verstärkt Maßnahmen.

Ich sehe aber auf nationaler Ebene maßgeblich meine dafür zuständigen Ministerkollegen Heinisch-Hosek für Frauen und Hundstorfer für Arbeit gefordert. Ich erwarte mir, dass auch auf nationaler Ebene Maßnahmen zur Schließung der Einkommensschere getroffen werden – Lippenbekenntnisse rund um den internationalen Frauentag sind zu wenig.

Haben Sie unterschiedliche Herangehensweisen an wissenschaftliche Probleme bei Frauen und Männern bemerkt?

Beatrix Karl: Unterschiedliche Herangehensweisen an wissenschaftliche Probleme sind keine Frage des Geschlechts, sondern eine Frage der eigenen Erfahrung und der individuellen Kreativität.

Gibt es eine „weibliche“ Rechtswissenschaft oder Rechtssprechung?

Beatrix Karl: Es gibt immer mehr Frauen sowohl in der Rechtswissenschaft als auch in der Rechtssprechung. Dadurch werden beide Gebiete mit neuen Sichtweisen und Herangehensweisen angereichert. Und das ist sicher ein Vorteil.

Von 22.924 Studierenden des Diplomstudiums Rechtswissenschaften im Wintersemester 2009 waren 12.719 Frauen, das sind 55,5 Prozent. Im Doktoratsstudium waren von 5009 Studierenden 2455 Frauen, das sind immerhin 49 Prozent. Laut jüngster Wissensbilanz der Universitäten über das Studienjahr 2007/08 wird die Lehre in Rechtswissenschaften zu 30 Prozent von Frauen bestritten. Die Tendenz ist weiter steigend, die Rechtswissenschaften sind hier ein absolut positives Beispiel.

Die Parität zwischen weiblichen und männlichen Studierenden an öffentlichen Universitäten wurde 1999/2000 erreicht, bei den Abschlüssen im darauffolgenden Studienjahr. Die Dauer einer wissenschaftlichen Laufbahn ab Erstabschluss kann wohl nur marginal dazu beigetragen haben, dass Frauen auf der ProfessorInnenebene noch nicht gleichziehen konnten.

Eine Erklärung ist sicher, dass die Gleichstellung auf der Alltagsebene noch nicht ganz funktioniert: Wenn es drei Assistenten gibt – zwei davon männlich und eine Frau – dann ist es meistens die Frau, die die administrativen Arbeiten erledigt, während sich die Männer der Forschung widmen. Ein anderer Punkt ist die Vereinbarkeit mit der Familie – als Wissenschaftlerin kann man nicht um 16 Uhr den Bleistift fallen lassen. Hier brauchen wir flexiblere Kinderbetreuungseinrichtungen.

Ist hier eine Veränderung in Gang?

Beatrix Karl: Die Veränderung ist im Gang. Im akademischen Mittelbau liegt der Frauenanteil bereits bei 43 Prozent. Zudem sind Bemühungen des BMWF, wie das Programm „excellentia – Ein High Potentials Programm zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft“, zu nennen. Das Programm wurde 2004 auf Empfehlung des frauenpolitischen Beirats etabliert und unterstützt mit finanziellen Anreizen die Anhebung des Professorinnenanteils an den österreichischen Universitäten.

Bei den Zweitabschlüssen (Doktorat, Master), bei den wissenschaftlichen und künstlerischen MitarbeiterInnen und bei den ProfessorInnen hat sich der Frauenanteil in den vergangenen vier Jahren merklich verbessert. Er ist mit 18,7 Prozent noch nicht zufriedenstellend. Aber die Dynamik ist da, ich will diese Entwicklung weiter vorantreiben.

Haben Sie in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn an sich selbst ein Zögern vor unbekannten Problemen bemerkt?

Beatrix Karl: Natürlich gab es immer wieder mal Zweifel, aber wer kennt das denn nicht. Die Angst vor dem Scheitern kann auch ein ungemeiner Ansporn sein, nichts unversucht zu lassen, um ein Ziel zu erreichen. Aber es sei auch gesagt: Wer nie scheitert, wird auch nichts lernen.

Gibt es eine Rektorin an einer österreichischen Universität?

Beatrix Karl: Ja, wir haben derzeit bereits zwei Rektorinnen an österreichischen Privatuniversitäten. Christa Them an der UMIT in Hall/Tirol und Marianne Betz an der Anton Bruckner Uni in Linz. Betz ist gleichzeitig auch die Vorsitzende der Österreichischen Privatuniversitätenkonferenz.

Außerdem haben wir mit Eva Werner seit letztem Herbst auch eine Rektorin einer Österreichischen Fachhochschule und im Bereich der Pädagogischen Hochschulen hat es mit der Bestellung von Dagmar Hackl zur Rektorin der PH Wien bereits 2006 den Auftakt zur Bestellung zahlreicher Rektorinnen österreichweit gegeben.

Nur im Bereich der öffentlichen Universitäten haben wir derzeit keine einzige Chefin. Das muss sich ändern. Ich hoffe, dass durch die von mir initiierte Gründung des Forums Gender & Diversity innerhalb der Universitätenkonferenz auch eine vermehrte Auseinandersetzung mit der Chancengleichheit von Frauen und Männern erfolgt. Die Oldboys-Networks an den Universitäten müssen aufgebrochen werden, sonst werden es Frauen nie schaffen, an die Spitze zu kommen.

Frauenförderung sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch Gender Budgeting sind Themen in den Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten, und ich werde mir hier ganz genau anschauen, welche Maßnahmen die Universitäten in diesen Bereichen setzen.

Kann man Bestellungen in Richtung Bevorzugung von Frauen bewegen?

Beatrix Karl: Im Bundesgleichbehandlungsgesetz, das auch für die Universitäten gilt, gibt es das Frauenförderungsgebot. Es besagt, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt aufzunehmen sind, solange noch keine 40 Prozent Frauenquote erreicht ist. Auf Empfehlung des Frauenpolitischen Beirats wurde Anfang 2009, gefördert vom BMWF, ein Projekt zur externen Beratung und Begleitung der Qualitätsentwicklung des Berufungsmanagements gestartet. Durchgeführt wird es von der österreichischen Qualitätssicherungsagentur AQA, zehn österreichische Universitäten nehmen daran teil.

Mit der letzten Novellierung des UG 2002 wurde außerdem eine verpflichtende 40 Prozent Frauenquote für alle universitären Gremien und Organe eingeführt. Aber es geht nicht nur um die Lehre. Frauen müssen sowohl in Lehre als auch in Forschung vertreten sein. Frauen müssen dieselben Rahmenbedingungen vorfinden wie Männer, um eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere absolvieren zu können.

Eine Spitzenbeamtin hat mir erzählt, sie müssen Frauen förmlich beknien, um sie dazu zu bringen, sich für Führungspositionen zu bewerben …

Beatrix Karl: Natürlich gibt es solche Fälle. Hier geht es aber nicht darum, dass Frauen sich diese Aufgaben nicht zutrauen würden. In erster Linie geht es hier darum, dass die Vereinbarkeit mit der Familie hierbei eine große Rolle spielt. Solange Arbeitgeber nicht flexibler werden, werden Frauen in Führungspositionen auch Einzelerscheinungen bleiben. Und mit Arbeitgeber meine ich hier nicht nur die Privatwirtschaft – hier ist auch der Bund gefordert, genauso auch wie unsere Universitäten und Hochschuleinrichtungen.

Essenziell ist bei der Unterstützung junger Wissenschaftlerinnen vor allem, möglichst früh mit Fördermaßnahmen zu beginnen. Mithilfe von Nachwuchsförderprogrammen, wie Doktorats- und Habilitationsstipendien oder Mentoringprogrammen, werden junge Wissenschaftlerinnen beim Vorantreiben ihrer wissenschaftlichen Karrieren unterstützt. Das BMWF unterstützt weiters öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, sogenannte Visibility-Maßnahmen, um auch das Bewusstsein dafür zu schaffen und Wissenschaftlerinnen vor den Vorhang zu holen.

Interview: Christian Zillner

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