Mutterglück aus dem Reagenzglas

Yvonne Schröder | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Österreichische Singlefrauen dürfen sich im Land nicht künstlich befruchten lassen. Also fliegen sie nach Dänemark. Dort finden sie ihr Wunschkind

Der Grund, dass ich mit 38 Jahren noch kinderlos bin, liegt nicht daran, dass ich keine Kinder bekommen kann, sondern daran, dass meine letzten drei Lebensabschnittsgefährten noch nicht einmal eine Zahnbürste bei mir deponiert haben.“ Die 38-jährige Katharina S. hat die meiste Zeit ihres Lebens in ihre Karriere investiert. Mit Erfolg. Sie ist Pressesprecherin eines großen österreichischen Unternehmens und verdient mehr als die meisten ihrer Exfreunde.

„Meine biologische Uhr tickt, und ich möchte auf jeden Fall ein Kind, bevor es zu spät ist“, sagt sie und stellt den kleinen Koffer auf die Gepäckwaage des Check-in-Counters. Viel braucht sie nicht auf ihrer Reise, vor allem bequeme Sachen, ein Nachthemd, ein paar Bücher. Für sie und viele andere gleichaltrige Frauen ist es ist kurz vor zwölf. Zeit fürs Boarding. Sie fliegt nach Kopenhagen, um sich künstlich befruchten zu lassen.

Assistierte Reproduktion, umgangssprachlich künstliche Befruchtung, lautet der Begriff für den medizinischen Eingriff zur Herbeiführung einer Schwangerschaft.

Entweder durch Intrauterine Insemination IUI, bei der die beweglichen Spermienzellen des Mannes mittels eines Katheters direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht werden, oder durch In-vitro-Fertilisation IVF, bei der die Spermien des Mannes in einem Reagenzglas den Weg zu den Eizellen finden.

Befruchtete Eizellen werden in Österreich bis zu fünf Tage nach der Befruchtung kultiviert und dann in die Gebärmutter eingesetzt. Den meisten Behandlungen liegt eine Hormonbehandlung der Frauen zugrunde, die den Eierstock dazu anregt, Eibläschen (Follikel) zu bilden und Eizellen zur Reifung zu bringen.

„Die Behandlungsdauer beträgt zehn bis 14 Tage bis zur Punktion, fünf bis sechs Tage bis zum Transfer und dann zehn bis 14 Tage bis zur Überprüfung, ob eine Schwangerschaft eingetreten ist“, erklärt Ludwig Wildt, Direktor der Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Innsbruck. Seit 1. Jänner 2000 können aus Mitteln des aus Familienlastenausgleichsfonds und Sozialversicherung gespeisten IVF-Fonds 70 Prozent der Kosten einer IVF bezahlt werden. Allerdings reicht eine Behandlung meist nicht, um ans Ziel zu kommen – übernommen werden in Österreich pro Frau maximal vier Versuche.

„Die Kosten betragen mit Medikamenten etwa 3000 Euro, die Erfolgsrate liegt bei etwa 30 Prozent“, sagt Wildt. Dennoch wurden in den letzten Jahren etwa 1500 Babys durch künstliche Befruchtung in Österreich gezeugt. Die Dunkelziffer ist wohl höher. Denn in Österreich dürfen nur (Ehe-)Paare auf diese Methoden zurückgreifen.

1978 kam Louise Joy Brown, das erste durch künstliche Befruchtung gezeugte Baby, in Oldham bei Manchaster zur Welt. 1982 folgte das erste IVF-Baby in Österreich, Zlatan Jovanovics. Österreich war weltweit das sechste Land, in dem ein Baby im Reagenzglas gezeugt wurde.

Bis 2006 wurden weltweit etwa drei Millionen Babys auf diese Weise geboren. In Deutschland sind in den letzten Jahren etwa zwei Prozent der Babys durch künstliche Befruchtung entstanden, in Dänemark liegt der Prozentsatz mit 3,9 Prozent etwa doppelt so hoch. Die meisten künstlichen Befruchtungen pro Kopf werden in Israel durchgeführt. Dort kann sich jede Singlefrau kostenlos mit anonymem Sperma ihren Kinderwunsch erfüllen lassen.

In Österreich und Deutschland ist künstliche Befruchtung laut Gesetz nur Verheirateten oder heterosexuellen Paaren erlaubt. Paare ohne Trauschein müssen sich ihre Lebensgemeinschaft vom Gericht oder Notar bestätigen lassen. Frauen dürfen nicht älter als 40, der Mann muss unter 50 sein. Singlefrauen oder Frauen in lesbischen Beziehungen ist IVF verboten.

Die Frage, ob es trotz des gesetzlichen Verbots Möglichkeiten für Singlefrauen zur künstlichen Befruchtung in Österreich gibt, verneint Ludwig Wildt. „Rein legal gibt es diese Möglichkeit in Österreich nicht. Es gibt aber Ärzte, die eine Vorbehandlung mit Medikamenten übernehmen. Die künstliche Befruchtung lassen die Frauen dann im Ausland vornehmen.“

Katharina S. braucht keine hormonelle Vorbehandlung. Sie sitzt im Flugzeug auf dem Weg zu Vitanova, einer Fertilitätsklinik in Kopenhagen, am Abend fliegt sie wieder zurück.

„Unser Ziel ist es, durch Engagement, Beratung und Unterstützung den bestmöglichen Rahmen für alle, die einen Kinderwunsch haben, zu schaffen“, lautet der erste Satz auf der Homepage der Klinik, die in Englisch, Schwedisch, Deutsch, Italienisch und Französisch abrufbar ist. Bei Vitanova ist man auf Ausländerinnen eingestellt.

„Etwa 80 Prozent unserer Kundinnen kommen aus dem Ausland, allein aus dem Grund, weil sie bei uns problemlos eine Befruchtung mit Fremdsamen durchführen lassen können“, sagt Anette Weinreich, Mitgründerin von Vitanova. „Die meisten Frauen kommen aus Deutschland, aber mehr und mehr aus Österreich. Auch Kundinnen aus Italien und Frankreich haben wir.“

Singlefrauen, die zur künstlichen Befruchtung nach Kopenhagen reisen sind zum Großteil zwischen 38 und 45 Jahre alt. In Dänemark ist das gesetzliche Höchstalter für einen solchen Eingriff fünf Jahre höher als in Österreich.

Länder wie Dänemark oder Belgien erleben seit einigen Jahren einen Befruchtungstourismus, vor allem durch Singlefrauen über 30. Das Statistische Bundesamt in Deutschland berichtet, dass im Jahr 2004 die meisten Kinder von 30- bis 34-Jährigen geboren wurden. 1994 waren es noch die 25- bis 29-Jährige.

2002 erklärte Clare Murray von der Universität London beim Kongress der „Europäischen Gesellschaft für Human-Reproduktion und Embryologie“ (ESHRE) in Wien, dass mehr als zwei Drittel der Singlefrauen, die sich den Kinderwunsch durch eine Samenbank erfüllen, es aus Angst tun, keinen Partner zur Familiengründung mehr zu finden.

„Für eine Insemination kann man morgens an- und abends abreisen. Ab Sommer führen wir auch In-vitro-Eingriffe durch, dafür muss man dann mit zwei oder drei Tagen rechnen“, sagt Klinikdirektorin Weinreich. „Frauen, die zu uns kommen, sind meistens vollkommen gesund. Sie brauchen keine Hormonbehandlung vorab, um genügend Eizellen zu bilden. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist der passende Partner.“ Eine Insemination mit einem Versuch kostet bei Vitanova 560 Euro. Ein In-vitro-Paket mit drei Versuchen 3360 Euro.

Kann die steigende Nachfrage die Gesetzgebung in Österreich beeinflussen? „Es ist schwer abzuschätzen, wann das der Fall sein wird“, sagt Ludwig Wildt. „Eine einheitliche Regelung für ganz Europa wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Generell gilt für deutschsprachige Länder sogar eher die Tendenz zu verstärkten Restriktionen im Bereich der Fortpflanzungsmedizin. Das hat auch mit unserer Geschichte zu tun. So verweist man bei der Besprechung von Embryonengesetzen bei uns immer wieder auf die Selektion und Rassenlehre im ‚Dritten Reich‘. Wobei die künstliche Auslese bei der künstlichen Befruchtung rein statistisch überhaupt keine Rolle spielt.“

Die Zukunft der Reproduktionsmedizin sieht Wildt dennoch positiv. „Aus sehr unterschiedlichen Gründen wird die Bedeutung der assistierten Reproduktion in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Etwa wegen dem zunehmenden Alter, in dem Frauen ihren Kinderwunsch realisieren wollen. Oder auch, weil immer mehr neue Partnerschaften in der Altersgruppe der über 30-Jährigen eingegangen werden. Es ist zu hoffen, dass die Gesetzgebung diesen Umstand berücksichtigen wird.“

Möglicherweise wird die moderne Reproduktionsmedizin auch die weibliche Familienplanung verändern: Frauen werden frische Eizellen in jungen Jahren entnehmen und einfrieren lassen, um im fortgeschrittenen Alter Kinder risikolos auszutragen. Das könnte ein Weg sein, um Frauen den Zeitdruck für ihre Familienplanung zu nehmen.

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