Krokodil mit großem Maul

Ulrike Kadi | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Was das Bild der Frau in der Öffentlichkeit von unseren Ängsten und Wünschen verrät

Als Fellini noch ein Kind war, ging er abends leidenschaftlich gern ins Bett. Jeder Ecke seines Bettes hatte er einen anderen Namen gegeben: Fulgor, Savoia, Opera Nazionale Balilla und Sultano. Das waren die Namen der vier großen Kinos in Rimini. Kaum dass Fellini die Augen geschlossen hatte, gab er sich den Bildern hin. Als wären sie Frauen. Fellini liebte es zu träumen. Freud hätte gesagt, er liebte es, sich Wünsche zu erfüllen. Denn in den kurzen und langen Filmen unserer Nächte können wir unseren eigenen Wünschen und Hoffnungen, aber auch unseren Befürchtungen und Ängsten begegnen. Und manchmal auch Tieren.

Ob die Tiere träumen, wisse er nicht, schreibt Freud in seiner „Traumdeutung“. Umgekehrt haben wir Gewissheit: Menschen träumen von Tieren. Das lässt sich nachweisen. Sie erzählen schließlich davon. Der Berliner Psychoanalytiker und Mitstreiter Freuds, Karl Abraham, berichtet von mehreren Spinnenträumen eines seiner Analysanden: Einmal hängt eine Spinne an der Decke und wird vom Zimmermädchen mit dem Besen zerdrückt. Ein anderes Mal fällt ein großes, haariges Exemplar von einem Kasten herunter auf den Träumer, der neben seiner Frau oder seiner Mutter steht. Im dritten Traum wird der Träumer von seiner Frau gewarnt, dass die Spinne, die über seinem Bett an einem Faden turnt, ihn berühren oder auf ihm herumkrabbeln könnte. Die Spinne taucht dauernd neben Frauen auf – neben dem Zimmermädchen, der Mutter, der Ehefrau. Er kann es nicht gleich begründen. Aber Abraham ist überzeugt davon, dass die Spinne im Traum eine Frau verkörpert.

Frauen können irritieren. Auf animalische Weise. Wie Spinnen, wie Motten. Oder wie der Geier, den Freud in seiner Arbeit über Leonardo da Vinci mit dessen Mutter in Verbindung bringt. Freud beschreibt den Geier als ernährend, liebevoll und lustspendend. Doch die Ambivalenz dem Raubvogel gegenüber ist nicht zu übersehen. Der Schnabel des Geiers flößt alles andere als Vertrauen ein. In der Hieroglyphenschrift der Ägypter war das Bild des Geiers das Zeichen für die Mutter. Ägyptologisch wird das mit der Klangidentität der Worte für Mutter und für Geier erklärt. Ein zufälliger Gleichklang? Die Sprache weiß mit ihren Klanggebilden manches zu verraten, was wir mit Bildern wieder zu verdecken suchen.

Frauenbilder pflastern unseren Alltag. All die vielen Bilder erinnern aber nicht im Entferntesten an die animalischen Traumgespenster aus psychoanalytischen Praxen. Vom Fernsehen über Printmedien, die Plakatwerbung bis hin zur medizinischen Präventionslyrik sind wir mit Bildern von Frauenkörpern konfrontiert. Die permanente öffentliche Körperarbeit mit oder ohne entsprechende Entlohnung folgt ritualisierten Mustern. In diesem Szenario werden die Regeln, denen die zeitgenössische Körperwahrnehmung unterliegt, nicht nur perpetuiert, sondern immer wieder neu hervorgebracht. Die idealen Körperformen sollen den Eindruck machen, als seien sie unverrückbar. Nicht Körperformen werden mit den Bildern vermittelt, sondern Körpernormen. Sie werden affirmiert von der bedeutungslosen Freundlichkeit so vieler Bildgesichter, die im besten Fall einer versonnenen Melancholie Platz macht. Sie werden bestätigt von einer makellosen Faltenlosigkeit, die an die Starre von beidseitigen Gesichtslähmungen erinnert. Sie werden immer neu unterstrichen von einer Schlankheit, deren oftmals anorektische Genese seit Jahren allgemein bekannt ist.

Kritische Gegenpositionen fehlen indes nicht. Der gerade im deutschen Sprachraum angelaufene Film „Precious: Das Leben ist kostbar“ (Lee Daniels 2009) gibt einer solchen kritischen Haltung ein Gesicht. Die übergewichtige Claireece, vom eigenen Vater zum zweiten Mal geschwängert und vom Schicksal in vielerlei Hinsicht nicht bevorzugt, nennt sich selbst Precious, wertvoll. Als ließe sich mit einem Wort ein auf dürre Frauenkörper abgerichteter öffentlicher Blick korrigieren.

Die britische Psychoanalytikerin Suzy Orbach weist seit Jahren auf die Notwendigkeit realistischer Gegenbilder hin. Eine internationale Kosmetikfirma hat auf ihre Anregung eine Kampagne für sogenannte wahre Schönheit gestartet. Doch trotz des nachweislichen wirtschaftlichen Erfolgs für die Herstellerfirma ist eine nachhaltige Beeinflussung der öffentlich zur Schau gestellten Wahrnehmungsvorlieben bis dato ausgeblieben.

Etwas an den Bildern widersetzt sich unseren absichtlichen Zugriffen. Das wird bei den Traumbildern besonders deutlich. Versuchen Sie doch einmal, sich einen Traum zu wünschen. Sie werden sehen, Sie scheitern. Ihr Unbewusstes hat keinen Pay-TV-Kanal. Mit den öffentlichen Bildern ist es ähnlich. Das Bemühen, diese Bilderwelt zu verändern, mag die Breite des Bilderangebots vergrößern. Eine gezielte Politik der Bilder wäre möglicherweise sogar in der Lage, Bilderverbote zu befördern (etwa durch Hinweis auf ihre Gesundheitsschädlichkeit). Doch damit werden die Bilder nur aus dem Blickfeld gerückt. Sie sind nicht zum Verschwinden zu bringen. Die Dynamik, der sich diese offensichtlich schwer beeinflussbaren Bildregime verdanken, wird davon nicht berührt.

Geier, Motten, Bienen, Spinnen sind nicht die einzigen Tiersymbole, die uns im Traum begegnen. Der französische Psychoanalytiker Gérard Wajcman meint, wir wünschten uns von all den Tieren, mit denen wir uns in der Realität wie in der Fantasie umgeben, nur eines: dass sie sich nach uns sehnen. Doch die Tiere halten sich fern von uns. Sie lassen uns allein. Wir können nicht anders, als über sie nachdenken, darüber, was sie für uns bedeuten. In einer Zeit, in der die Traumsymbolforschung aus der Frühzeit der Analyse ihre Überzeugungskraft weitgehend eingebüßt hat, verfolgen sie uns als Metaphern in Gedanken und Träumen.

Die Mutter ist ein Krokodil mit einem großen Maul, in dem wir sind, sagt der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan. Mit der Mutter verbindet sich nicht nur die weibliche Seite unserer Existenz, sondern auch das Körperliche, ja das Animalische als etwas Bedrohliches. Eine Mutter kann geben und verweigern. Sie kann sich zu- oder abwenden. Sie kann wollen oder nicht. Das alles entspricht Erfahrungen, die die allermeisten von uns mit einer weiblichen Figur früh gemacht haben. Die Angst, die wir – zunächst noch sprachlos – durchzustehen hatten, vermischt sich seit jeher mit dem Bemühen, unsere Wünsche erfüllt zu bekommen. Das versuchen wir nicht zuletzt mithilfe von Bildern.

Viele der gegenwärtig öffentlich eingesetzten Frauenbilder suggerieren, dass Frauen als Objekt mit einer perfekten Oberfläche gleichermaßen verfüg- und verführbar sind. Die Betrachtung dieser Bilder vermittelt den Eindruck von Kontrollierbarkeit. Sie verspricht Sicherheit gegenüber der dunklen Mächtigkeit einer (ersten) Frau. Damit dienen diese Bilder der Angstabwehr. Sie verdecken wie ein Fetisch das, was in direkter Konfrontation kaum zu ertragen wäre. Darum ist es so schwer, sie zum Verschwinden zu bringen.

Doch trotz der vielen perfekten Frauenbilder bleiben Reste der Ängste und suchen sich andere Wege kultureller Bewältigung. Sie werden zum Beispiel metaphorisch in einem Lied evoziert, treten als unförmige Schuhe einen unverständlichen Siegeszug gegen sämtliche ästhetische Empfindungen an oder manifestieren sich als zeitlose Produkte aus Reptilienleder – denken Sie nur an „Die Bar zum Krokodil“, an die Crocs oder an die exotische Mode der Krokotaschen.

Ulrike Kadi, Psychiaterin, derzeit in einem Projekt des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds WWTF, lehrt an der Uni Wien

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