Unipolitik

Bologna: Feier und Aufruhr

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 1/10 vom 31.03.2010

Die einen feierten und konferierten, die anderen protestierten und diskutierten. Am 11. und 12. März fand in Budapest und Wien die Jubiläumskonferenz zur Unterzeichnung des Bologna-Hochschulabkommens statt.

Dass ein Großkonzern schon seit Tagen Energydrinks vor der Uni Wien verteilte, hatte wohl weniger mit der Konferenz und dem Gegengipfel zu tun als vielmehr damit, dass ein neues Semester begonnen hat. Dieses brachte auch der Studierendenbewegung den dringend nötigen Mobilisierungsschub. Die neue Energie entlud sich zu Beginn der Konferenz in der Nacht auf den 11. März mit der kurzfristigen Besetzung des Neuen Institutsgebäudes. Dann folgten eine Demo, Diskussionen und Workshops.

An der Demonstration vom Westbahnhof zur Hofburg am Donnerstag nahmen 10.000 Studierende teil. „Der Bologna-Prozess bringt Burnout und Stress“, „Finanzspritze gegen Bildungsgrippe“ oder „Dichter und Denker statt Bachelor und Banker“ stand auf Transparenten.

Aus ganz Europa waren rund 1500 Studierende zum Gegengipfel angereist, darunter Lara (19) und Luis (22) aus Rom. „18 Stunden sind wir im Autobus gesessen“, erzählt Lara. Luis ist eigentlich Spanier, in Rom absolviert er gerade ein Erasmus-Semester. Zur Anti-Bologna-Bewegung stieß er schon daheim. Man müsse aus allen Universitäten die Vorteile herausklauben, um daraus die ideale Uni zu schaffen, meinen beide. Das Wichtigste sei: „The freedom to study!“

Höhepunkt am Freitag war eine Podiumsdiskussion am Uni Campus, u.a. mit Andreas Keller, dem Vorstandsmitglied der deutschen Bildungsgewerkschaft GEW, und Isabelle Bruno, Politik-Lektorin in Lille und Mitorganisatorin des in Kürze in Brüssel stattfindenden Alternative Summit zur Lissabonstrategie. Bruno sieht sich selbst als „Bologna-Opfer“ – und kämpft dagegen, dass aus Unis „Companies“ werden.

Andreas Keller, der die Uni 1999 verließ, um in die politische Praxis zu wechseln, meint, es sei höchste Zeit für eine Kehrtwende in der Hochschulpolitik. Aber man dürfe nicht gegen „Bologna“ als Idee sein. Nur die Umsetzung sei schiefgegangen. Mate Kapovic, Teaching Assistant in Zagreb, wirft ihm Naivität vor: „It is very, very naive to think that this is just an accident!“ Oberstes Bologna-Ziel, meint er, bleibe nach wie vor eine Uni nach neoliberalem Zuschnitt.

Die österreichische Wissenschaftsministerin Beatrix Karl präsentierte indes „Bologna reloaded“: zehn Maßnahmen zur Verbesserung der Implementierung. „In Wirklichkeit ist das alles ein einziger großer Punkt“, so die ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer, die bei der Konferenz dabei war und durch ihr mit „Uni brennt“-Buttons gespicktes Kleid mit allen Ministern ins Gespräch kam. „Wir müssen schauen, all das hinzukriegen, was in den letzten zehn Jahren verabsäumt wurde!“ Die Aktionsgruppe „Unsere Uni“ meint dazu: Ohne die nötigen Rahmenbedingungen wie etwa die Wahl des Rektorats durch eine Universammlung, wie es schon vor dem UG 2002 der Fall war, sei auch „Bologna reloaded“ zum Scheitern verurteilt.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige