Stürzt das US-Imperium?

Christian Zillner | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Der englische Historiker Niall Ferguson meint, es könnte ganz plötzlich geschehen

Der Historiker und Harvard-Professor Niall Ferguson blickt auf die angelsächsische Welt und sieht schwarz. Für Großbritannien sagt er in der Financial Times vom 10. Mai eine „agonising austerity“ voraus. David Cameron, den Führer der Konservativen Partei, sieht er am Rand eines steilen Abgrunds stehen.

In Foreign Affairs von März/April 2010 schaut er in die Zukunft. Das Magazin kündigt einen Essay von ihm am Cover mit „Decline and Fall“ an. Der Titel bezieht sich auf die USA, spielt jedoch auf das sechsbändige Werk des wohl berühmtesten englischen Historikers Edward Gibbon an, das den „Decline and Fall of the Roman Empire“ beschreibt.

Ferguson gilt als einer der bemerkenswertesten Historiker der Gegenwart. Sein Markenzeichen sind verblüffende Thesen, die er mit überzeugendem Geschick vorzutragen weiß. Der Essay in Foreign Affairs gibt davon ein Beispiel.

Unter dem Titel „Complexity and Collapse“ stellt er die Frage, wie ein Imperium, etwa das US-amerikanische, zusammenbricht. Seine Behauptung: nicht in einem langen Prozess des Niedergangs, sondern schlagartig.

Imperien befinden sich offenbar über eine unbestimmte Periode im Gleichgewicht, meint er, um dann plötzlich zu kollabieren. Auslöser können scheinbar unbedeutende Ereignisse sein, die zu einer Krise des Selbstbewusstseins der herrschenden Eliten führen: sei es ein zu hohes Budgetdefizit, ein nicht zu gewinnender Krieg, kurz, Ereignisse, wie sie die USA gerade erleben. Vielleicht sind auch die brillantesten Köpfe einer Epoche, die mit einem Mal nur Abgründe sehen, ein Teil dieses Prozesses.

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