Soziologie

Das Puff in der Krise

Yvonne Schröder | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Die Wirtschaftskrise hat nun auch die Prostitution erreicht. Die Preise gehen zurück – und das auf Kosten der Frauen.

„Ich war auch schon mal im Flatrate-Puff“, sagte Rolf Eden bei der TV-Diskussion „Maischberger“ zum Thema „Soll Prostitution verboten werden?“ im Dezember 2009. „Das ist das Beste, was es gibt“, schwärmte der selbst ernannte Playboy. „Da liegen 30 Frauen rum, alle mit den Beinen breit, und jeder kann, sooft er will.“

Die Wirtschaftskrise hat auch das Rotlichtmilieu erreicht. Die Umsätze der Sexbranche gehen zwar schon länger zurück, doch die Preise für den Geschlechtsakt haben seit dem letzten Jahr mit durchschnittlich 40 bis 60 Euro den Tiefpunkt erreicht. Die Sexarbeiterinnen können ihre Ausgaben, wie etwa Zimmermieten in Bordellen, oft nicht mehr bezahlen. Um ihre Existenz zu sichern, müssen sie sich dem Wettbewerb anpassen, d. h., in den meisten Fällen ohne Schutz und ohne Tabus arbeiten.

„Wir beobachten bereits seit längerer Zeit zwei Entwicklungen im Bereich der Sexarbeit, die mit der sich immer weiter öffnenden Einkommensschere verbunden sind“, sagt Eva van Rhaden, Leiterin von SOPHIE-Bildungsraum für Prostituierte in Wien. „Im Hochpreissegment der sexuellen Dienstleitung stellen wir eine Zunahme der Kombinationsangebote Wellness mit sexueller Dienstleistung fest. In der niedrigeren Preisklasse steigt der Druck auf die Frauen, ohne Kondom zu arbeiten.“ Die Nachfrage nach Sex ohne Schutz gäbe es schon immer, die wirklich professionelle Sexarbeiterin jedoch blase nur mit Kondom, so Eva van Rhaden.

Dank der Wirtschaftskrise ist es jetzt aber wohl nur mehr die, die es sich noch leisten kann. Denn im niedrigen Preissegment, das den Großteil des Sexarbeitsmarktes ausmacht, herrschen Dumpingpreise.

Die Mehrzahl der Freier verlangt mehr für ihr hart verdientes Geld. Der traurige Höhepunkt der industriellen Vermarktung des weiblichen Körpers ist mit sogenannten Flatrate-Puffs erreicht. Dort können Frauen konsumiert werden wie Gebrauchsgegenstände. „Zahle einmal, nimm sie alle. All inclusive!“, werben die Flatrate-Puffs, die es bereits in ganz Deutschland gibt, im Internet. Seit Kurzem laufen erste Probemodelle des deutschen Großbordellbetreibers „Club Pascha“ auch in Linz und Salzburg. Die Freier zahlen eine Pauschale, den Flatrate-Tarif, der etwa zwischen 70 und 100 Euro liegt. Damit können sie die sexuellen Dienstleistungen der Frauen in Anspruch nehmen, so lange und so oft sie wollen bzw. können.

Die Prostituierten, die in solchen Bordellen arbeiten, stammen bisher zum Großteil aus Rumänien oder anderen osteuropäischen Ländern.

„Diese Länder sind auch nach wie vor besonders schwer von der Wirtschaftskrise betroffen“, sagt Markus Marterbauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Gerade Rumänien, Bulgarien und baltische Länder haben in den letzten Jahren sehr viel mit Krediten investiert, sodass es sehr hohe Staatsschulden gibt und sie in Zukunft bei Infrastruktur oder Bildung einsparen werden.“

Mit den Flatrate-Puffs öffnet sich ein neuer Wirtschaftszweig, der nahezu an Sklaverei erinnert. Die Situation der Frauen wird zur männlichen Triebabfuhr ausgenutzt, das Geld der Freier geht in den meisten Fällen an die Hintermänner in europaweit agierenden Sexlobbys. 20 Festnahmen wegen Menschenhandels gab es in deutschen Flatrate-Puffs. Die Täter, die derzeit vor Gericht stehen, stammen überwiegend aus Rumänien.

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