Sozialmedizin

Her mit dem Speck!

Verena Ahne | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Übergewicht gilt inzwischen weltweit als eine der größten Gesundheitsgefahren, darüber ist sich die Fachwelt einig.

Weniger Einigkeit herrscht über die Definition. Die Weltgesundheitsorganisation WHO etablierte vor einigen Jahren den vorher nur von amerikanischen Versicherungen benutzten Body-Mass-Index BMI als allgemein zu verwendende Größe: Gesamtgewicht dividiert durch doppelte Körpergröße. So hat eine 1,70 Meter große Person mit 60 Kilogramm einen BMI von 20,8.

Laut Weltgesundheitsorganisation haben Erwachsene mit einem Body-Mass-Index zwischen 18,5 und 25 Normalgewicht, darüber Übergewicht. Ab einem BMI von 30 beginnt Fettleibigkeit.

Ausgeblendet wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körperbau oder individuelle Fitness.

Zu Unrecht. Denn manche Menschen profitieren von Übergewicht. Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin an der MedUni Wien etwa konnte zeigen, dass hochbetagte Menschen in einem Pflegeheim mit einem BMI von 27 und 28 am gesündesten waren: Sie bekamen deutlich seltener und weniger schwere Infektionen als die nach WHO-Definition Normalgewichtigen. Auch Leon Flicker von der University of Western Australia in Perth fordert, die BMI-Klassifikation von Älteren zu revidieren, nachdem in seiner Studie das Sterberisiko über 70-jähriger – nicht adipöser – Übergewichtiger niedriger war als bei Normalgewicht.

Für jüngere Menschen könnte diese „paradoxe Epidemiologie“ ebenfalls gelten – sobald sie nicht mehr gesund sind.

Lebensverlängernd wirken die ungeliebten Pfunde etwa bei schweren Krankheiten wie Krebs oder Herzinsuffizienz. Eine Metaanalyse, also die Zusammenfassung der Daten mehrerer Studien, revidierte auch die landläufige Meinung, Übergewicht sei auf einer Intensivstation von Nachteil. Sehr dicke Menschen mit einem BMI zwischen 30 bis 40 haben dort vielmehr die höchsten Überlebenschancen.

Fachleute fordern deshalb schon länger, nicht die Gesamtfettmenge, sondern die Fettverteilung zu beachten: Der „Apfelmann“ mit Fettringen um den Bauch lebt demnach gefährlich, die „Birnenfrau“ mit Fett an Po und Beinen nicht.

Die Betrachtung dieses Taille-Hüft-Verhältnisses („waist-to-hip ratio“, WHR) könnte nun durch eine noch einfachere Größe ersetzt werden: nämlich durch das Verhältnis Taillen-umfang zu Körpergröße („waist-to-height ratio“, WHtR).

In einer Studie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität wurden 11.000 Personen bis zu zehn Jahre lang beobachtet. Ergebnis: Die WHtR sagt wenig über das Risiko aus, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden oder zu sterben – der BMI gar nichts. „Er sollte deshalb nicht mehr als Maß für Übergewicht verwendet werden“, fordert der Studienautor Harald Schneider. Sinnvoller sei es, den Körperumfang niedriger zu halten als die halbe Körpergröße; Menschen über 50 bleiben am besten unter 60 Prozent.

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