Mikrochirurgie

Bypass nach Krebs-OP

Dieter Hönig | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Bei etwa 75 Prozent aller Brustkrebs-Patientinnen werden auch die Lymphknoten der Achsel entfernt. Fast immer schwillt danach der betroffene Arm stark an. Durch physikalische Therapie wie Lymphdrainage und regelmäßiges Tragen eines Armstützstrumpfes kann Besserung erzielt werden.

Von vielen betroffenen Frauen wird der Armstützstrumpf jedoch als besonders lästig empfunden. Und bei rund zwanzig Prozent der Betroffenen hilft er nicht.

Monate-, ja jahrelange Beschwerden und Einschränkungen in Alltag und Beruf, etwa beim Schreiben am Computer, sowie häufige Infektionen sind die Folgen.

Mikrochirurgie kann in solchen Fällen helfen. Am Wiener AKH wird eine Operation durchgeführt, bei der man vom Oberschenkel der Patientin zwei Lymphgefäße entnimmt und zwischen Oberarm und Hals einpflanzt. „Dadurch schafft man einen Bypass, also eine Überbrückung der bei der Krebsoperation entfernten Lymphgefäße in der Achsel. Die Folge sind ein verbesserter Durchfluss der Lymphflüssigkeit und eine Abnahme des Wasserstaus“, erklärt Univ.-Prof. Edvin Turkof, ästhetisch-plastischer Chirurg am AKH Wien. Er führt die Operation gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Gynäkologen Univ.-Prof. Michael Seifert, an der Abteilung für spezielle Gynäkologie durch.

Neu ist der lympho-lymphatische Bypass nicht. Er wurde bereits vor 23 Jahren in Wien wie in München unabhängig voneinander in einer Reihe von Therapieversuchen entwickelt. Der Münchner Chirurg Rüdiger Baumeister optimierte die Methode in Bezug auf Technik, Anwendbarkeit, präoperative Diagnostik, prä- und postoperative Verlaufs- und Durchflusskontrolle und brachte sie schließlich zu Reife und Erfolg. Edvin Turkof, der sich von Baumeister schulen ließ, brachte die weiterentwickelte Methode schließlich ans Wiener AKH. Hier beträgt die Erfolgsrate mittlerweile 70 Prozent. Das Kriterium für Erfolg ist eine deutliche Verkleinerung des Armumfangs innerhalb von sechs Monaten.

Von Mikrochirurgen erfordert die Lymphtransplantation einiges an Erfahrung und Geduld: Die zur Wiederherstellung der Zirkulation notwendigen Gefäßzusammenführungen erfolgen mit mikrochirurgischer Nahttechnik. „Diese ist besonders anspruchsvoll, da die transplantierten Lymphgefäße bedeutend dünnwandiger als jede Fingervene und im Durchmesser deutlich kleiner als die Gefäße eines Kleinfingers sind“, erklärt Turkof.

Die Bypassoperation wird immer häufiger durchgeführt. Dennoch ist sie vielen betroffenen Frauen als mögliche Verbesserung ihrer Situation noch nicht bekannt. Was verwundert, da der Eingriff kaum belastet und zudem von den Kassen übernommen wird.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige