Ist Zukunftsprognostik Wissenschaft?

Emily Walton | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Der Trendforscher Matthias Horx hat ein Zukunftsinstitut in Wien eröffnet. Wir haben nachgefragt

Was bringt die Zukunft? Mit einer Antwort auf diese Frage lässt sich Geld verdienen. Man kann darüber Bücher schreiben wie Matthias Horx („Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ oder „Wie wir leben werden“), Firmen beraten und Vorträge halten. Horx ist ein prominenter Vertreter dieses Geschäfts. Für Vorträge kassiert er bis zu 9500 Euro. Anlässlich der Eröffnung seines Zukunftsinstituts in Wien beantwortet er auch dem Falter HEUREKA die Frage der Fragen:

Wie geht es mit uns weiter, Herr Horx?

„In den nächsten zehn Jahren kommen wir aus den Finanzturbulenzen nicht raus.“ Geht’s konkreter? Ja. Die produktions- und exportgestützten Volkswirtschaften Europas werden an ihre Grenzen stoßen. Wachstum wird im altindustriellen Sinn nicht möglich sein. Bildungs- und Arbeits-potenziale der Frauen werden erschlossen, die alternde Bevölkerung länger in den Arbeitsprozess eingebunden werden. Zudem gibt es kreativere Innovationen.

Das sind Horx’ Megatrends.

Was halten Österreichs Wissenschaftler davon? „In irgendeiner Weise werden sie stimmen“, sagt Michael Böheim vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. „Sie sind so allgemein, dass jeder, der Zeitung liest, ähnliche Schlüsse ziehen könnte.“ Er widerspricht Horx nicht. Trotzdem will der Wissenschaftler mit ihm nichts gemein haben.

„Die meisten Studien sogenannter Trend- und Zukunftsforscher haben mit Wissenschaft wenig zu tun“, sagt Reinhold Popp, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien in Salzburg. Und dennoch nennt sich Horx „Forscher“. Eine Bezeichnung, die für Objektivität und Nachvollziehbarkeit steht. Auch Akademikerstatus lässt sich vermuten. Matthias Horx hat sein Studium der Soziologie abgebrochen.

Was aber ist Zukunftsforschung? Der Historiker untersucht die Vergangenheit, der Germanist die Literatur. Die Zukunft ist kein Gegenstand, sie existiert noch nicht: „Zukunft ist ein Konstrukt, das sich aus Gegenwart und Vergangenheit ableitet“, sagt Popp. „Man kann nur Wenn-dann-Szenarien abbilden.“ Es hängt von der Gestaltungskraft der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft ab, welches Szenario sich in der Zukunft durchsetzt. „Ein wahrer Forscher würde daher nie von einem einzigen Trend sprechen.“

Horx sieht es anders: „Unsere Aufgabe ist es, ökonomische, psychologische, soziologische Betrachtungen zusammenzuführen und Ergebnisse abzuleiten.“ Er nennt sich Optimist („Viele Wissenschaftler sind unglücklich. Sie sind in ihren Fachgebieten gefangen.“) und betont seinen universaltheoretischen Ansatz. „Das ist aus wissenschaftlicher Sicht lächerlich“, sagt Popp. Denn auch die wissenschaftliche Forschung lebt von Disziplinvielfalt. Man strebt aber auch konkrete, nachvollzieh-bare Ergebnisse an.

Horx macht selten Zahlenprognosen, „weil es um die Entwicklung geht“. Vielleicht aber auch, weil die Werte nicht so beeindruckend sind. „Man kann nur kurzfristig genaue Zahlen vorhersagen“, sagt Wifo-Forscher Böheim. Das Wirtschaftswachstum wird etwa für das nächste Quartal prognostiziert. Die Ergebnisse haben Wirkung: Prognostiziert man Inflation, werden höhere Gehälter verhandelt. In der Folge sind die Löhne zu hoch, das Wachstum zieht nicht nach. Ob Horx’ Theorien ebensolchen Impact haben, bezweifelt Michael Böheim.

Reinhold Popp sieht sehr wohl Auswirkungen: „Wenn er etwa die kreative Ökonomie als Megatrend propagiert, kann es sich auf die Berufswahl junger Menschen auswirken.“ Doch werden 2020 die Jobs ähnlich beschaffen sein wie heute?

Horx, der ehemalige Journalist, hat einen Vorteil gegenüber den Wissenschaftlern. Seine Ergebnisse sind medientauglich. „Viele Berichte der Forscher sind zu langweilig“, sagt Popp. Horx ist unterhaltsam. Man liest ihn, engagiert ihn – dafür blickt er 10 bis 20 Jahre voraus. Wenn es so weit ist, fragt eh niemand mehr nach.

Und wenn doch, hat Horx immer irgendwie recht gehabt: Ende der 90er sah er für das 21. Jahrhundert statt einem Lebensjob wechselnde Dienstverhältnisse voraus. Tatsächlich arbeitet man nur noch selten 45 Jahre in einem Betrieb.

Wenn Horx falsch liegt – er sagte etwa eine Geburtenrate in Deutschland von 1,6 für das Jahr 2010 vorher, aktuell liegt sie bei 1,35 –, stört es nicht weiter. Megatrends sind ein Marketing-Tool der Gegenwart.

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