Pathos und Prophetie des Untergangs

Erich Klein | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Interdisziplinäre Forschung. Der russische Semiotiker Jurij M. Lotman über die Explosionen wissenschaftlicher Ideen

Die Apokalypse fand nicht statt: Die Sowjetunion, ein Sechstel der Erde, wie sie sich gerne titulierte, verschwand vor zwanzig Jahren fast sang- und klanglos.

Dass im sogenannten „entwickelten Sozialismus“, der Francis Bacons Grundformel der Neuzeit „Wissen ist Macht“ auf seine Fahnen geschrieben hatte, neben zahlreichen wissenschaftlichen Abstrusitäten auch intellektuell Bedeutsames geleistet wurde, verraten nur noch die zahlreichen russischen Namen an Mathematik- und Physik-Lehrstühlen zwischen Kalifornien und Paris.

Wenig bekannt ist hingegen, dass in der UdSSR im Graubereich zwischen Natur- und Geisteswissenschaften bedeutende kulturwissenschaftliche Schulen wie der „Tartuer Kreis der Semiotik“ entstanden. Sein Gründer Jurij Lotman (1922–1993) „emigrierte“ zu Beginn der 1950er Jahre aus der antisemitischen Atmosphäre Leningrads in die liberalere Universitätsstadt Tartu in Estland und versammelte Linguisten, Mathematiker, Neurologen und Literaturwissenschaftler zum fächerübergreifenden Studium der Zeichensysteme.

Eine letzte Frucht dieses Studium generale ist Lotmans Buch „Kultur und Explosion“. Mit Sätzen wie „Die Möglichkeit, Böses zu tun, ist der erste Schritt zur Fähigkeit, es bewusst zu unterlassen.“ lebt es aus Pathos und Prophetie des Untergangs. Lotman entwickelt sein System ausgehend von der Biologie, von Reiz und Reaktion, und führt schrittweise aus der Tierwelt in jene des menschlichen Bewusstseins und des Traums; Alltagssprache ist durch Kontinuitäten gekennzeichnet, die Welten des Textes und der Literatur sind um das „Unerwartete“ zentriert.

„Die größten wissenschaftlichen Ideen sind in einem gewissen Sinne der Kunst verwandt: Ihre Entstehung ähnelt einer Explosion.“ Vor allem durchziehe dieses explosive und gewalttätige Moment die ganze russische Geschichte. Russlands wichtigste Aufgabe sah Lotman darin, „abzugehen von dem Ideal, die alte Welt bis auf die Grundfesten zu zerstören, um danach auf ihren Ruinen eine neue zu bauen.“ Diese Möglichkeit zu versäumen und zugleich Russlands „ewigen“ Gegensatz zu Europa aufzuheben, würde eine „historische Katastrophe“ darstellen. An der Lösung dieser Aufgabe darf sich auch der Westen beteiligen.

Jurij M. Lotman: Kultur und Explosion,

aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg,

Suhrkamp Verlag,

Berlin, 2010

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