Kommentar

Usura, usura!

Dichter und Wucher

Erich Klein | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Die großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gaben es nicht unter Weltliteratur – die Geister strebten nach Globalisierung, Weltwirtschaft kam bei ihnen hingegen kaum vor. Die Regel bestätigende Ausnahmen: Robert Musil machte den Industriekapitän Walter Rathenau zu einer zentralen Figur seines „Mann ohne Eigenschaften“; Thomas Mann sang in „Josef und seine Brüder“ biblisch verkleidet das Hohelied auf Roosevelts „New Deal“. Fast alle vom Marximus beeinflussten Autoren produzierten hingegen nur noch pure Ideologie.

Umso bemerkenswerter, dass der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885–1972) angesichts der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 begann, eine ganze Finanztheorie auszuarbeiten. Diese erhob er auch zum literarischen Prinzip: „Ein Epos ist ein Gedicht, das Geschichte einschließt. Niemand kann aber Geschichte verstehen, wenn er nichts von Wirtschaft versteht.“

Pound – der im monumentalen Zyklus „Cantos“ die ganze Welt von der Antike und dem alten China bis zum British Empire und Stalin nachdichtete – sah seine Gegner in Liberalismus, Kapitalismus und Marxismus; sein besonderer Hass galt der Hochfinanz, die schon den Ersten Weltkrieg zu verantworten gehabt habe. Die auf den ökonomischen Kollaps folgende Kreditdrosselung führte zu Millionen von Arbeitslosen, die Menschen hatten kein Geld für notwendige Lebensmittel, indes ganze Ernten verfaulten.

Verantwortlich für den Missstand war für Pound – „Usura“, der Wucher, Zins. „Bei Usura, der Sünde wider die Natur / bleibt dir kein Brot trocken Papier / kein Weizen vom Bergacker, kein kernig Mehl /…/ Bei Usura kommt Wolle nicht zu Markt / Schaf wirft nichts ab bei Usura.“ Pounds Polemik gegen „die gottverdammte Dämlichkeit und die mangelnde Courage der Leute, sich durchzudenken, was es mit dem Geldsystem auf sich hat“, führt ihn zur kuriosen Entdeckung des „Schwundgeldes“, das die Tiroler Gemeinde Wörgl zur lokalen Bekämpfung der Krise erfunden hatte.

Das Ideal eines korporativen Ständestaates im größeren Stil sah der Dichter, der während des Krieges in Italien lebte, in Benito Mussolinis Faschismus. Hitler hielt er allerdings für einen „epileptischen Hinterwäldler“, der „nach Pogromen lechzet“. Für seine Rundfunkansprachen gegen die Alliierten wurde er im Mai 1945 wegen „Antiamerikanismus“ angeklagt, inhaftiert und schließlich in eine Irrenanstalt überstellt. Als er später über seine jahrzehntelange Arbeit an den „Cantos“ befragt wurde, antwortete Pound wie immer angriffslustig: „Es ist schwer, ein, Paradiso‘ zu schreiben, wenn alle äußeren Anzeichen auf eine Apokalypse verweisen.“

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