Geht mit Athen Europa unter?

Dieter Hönig | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Die Griechen werden ihre Staatsschulden nie mehr zurückzahlen können, ist der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Heinsohn überzeugt. Athen, die Wiege Europas, könnte auch zu seinem Sarg werden

Wirtschaftswissenschaftler, zumindest viele von denen, die sich bisher öffentlich geäußert haben, zeigen sich von der Krise verunsichert. So bekennt Deutschlands Wirtschaftsweiser Peter Bofinger gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Wir haben sehr ausdifferenzierte makroökonomische Modelle, sie haben nur einen Nachteil, es gibt keinen Finanzsektor.“ Das britische Wirtschaftsmagazin The Economist schreibt in der Ausgabe vom 9. April: „Man kann von Studenten nicht gut erwarten, dass sie die Krise begreifen. Schließlich wissen sie so gut wie nichts über die Rolle der Finanzinstitutionen.“ Paul Krugman, amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger, erklärte zum Schattenbankensystem, also zu bankenähnlichen Institutionen, die außerhalb jeder Regulierung agieren können: „Bis zum Ausbruch der Krise 2008 scheint tatsächlich kaum jemand geahnt zu haben, wie wichtig dieses System bereits geworden war.“ Pro Jahr verschwanden bis zu 400 Milliarden Dollar im Finanzsektor durch Verschwendung, Missbrauch und Betrug.

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn sieht in den Zentralbanken und ihrer fatalen Nullzinspolitik die Verursacher der Krise. Er verlangt eine Bankenaufsicht für Zen-tralbanken. „Man knüppelte mit den Investmentbanken und ihren Boni bloß den Sack, um die zentralbanklichen Esel nicht anrühren zu müssen.“ Für ihn beginnt die Krise bereits 1995, als Japans Zentralbank ihren Zins erst auf ein Prozent und ein Jahr später auf 0,1 Prozent senkte. Sie wollte damit japanischen Firmen helfen. Deren Produktpreise waren durch den Nikkei-Crash von 39.000 Punkte im Jahr 1989 auf 15.000 im Jahr 1995 abgestürzt.

2002 bemerkte die japanische Zentralbank, dass die Steigerung ihrer Kredite an die Geschäftsbanken um fast dreißig Prozent bei Firmen lediglich eine Kreditsteigerung von drei Prozent bewirkte. Im selben Jahr senkte Alan Greenspan von der US-Zentralbank den Zins für Banken für fast drei Jahre auf 0,75 Prozent. Zwischen 2003 und 2007 bewirkten vier von der US-Zentralbank an die Banken geliehene Dollar nur einen zusätzlichen Dollar Bruttoinlandsprodukt.

Alan Greenspan scheint sich als „chief villain“, als Hauptverursacher der Krise, herauszustellen. In diesem Sinn bespricht auch Benjamin M. Friedman, Professor für Wirtschaftspolitik in Harvard, in der New York Review of Books vom 29. April die neuen Bücher des amerikanischen Wirtschaftsjournalisten und New Yorker-Redakteurs John Cassidy sowie des britischen Schriftstellers John Lanchester, die beide Alan Greenspan als den „villain-in-chief“ der Krise schildern. Wir wollen nun von Gunnar Heinsohn wissen, wer die nächste, sich in Europa abzeichnende Krise verursachen wird.

Falter HEUREKA: Sie gehen mit den Zentralbanken sehr hart ins Gericht.

Gunnar Heinsohn: Weil sie die Verführer sind. Geschäftsbanken stehen untereinander in Konkurrenz. Wenn die eine das Nullzinsgeld borgt und die zweite wartet, bis der Zins wieder bei fünf Prozent ist, geht sie zwischendurch mangels Geschäft einfach unter. Darauf spielte am 10. Juli 2007, also noch vor dem Crash, Chuck Prince, der damalige Chef der amerikanischen Bank Citigroup, an: „Wenn die Musik in Form von Liquidität aufhört, wird es schwierig. Aber so lange die Musik spielt, muss man sich erheben und tanzen.“

Wo es Verführer gibt, muss es auch Verführte geben …

Heinsohn: Die Geschäftsbanken leihen sich das „billige“ Geld, weil sie müssen. Gleich danach beginnen jedoch ihre eigenen Fehler. Sie könnten jetzt mehr investieren oder an gänzlich neue Kunden wie etwa eigentumslose Hausträumer ausleihen. Aber die billige Liquidität erhöht ihr Eigenkapital nicht. Dessen Relation zu den Ausleihungen wird umgehend schlechter. Die Lockung der Zentralbank endet also nicht nur in neuen Kunden ohne Kreditwürdigkeit, sondern auch in einer Unterkapitalisierung der Banken. Die Chancen des Schuldnerausfalls steigen, während die Möglichkeiten zum Glattstellen der ausbleibenden Tilgungen aus Eigenkapital fallen. Dass zu geringe Eigenkapitalquoten bei den Banken herauskommen, wenn die Zentralbanken mit Niedrigzins pfuschen, schreibt schon 1873 der Brite Walter Bagehot als ihr bedeutendster Theoretiker in seinem Buch „Lombard Street“: „Für die Kredite [an momentan nicht liquide, aber mit Eigentum noch versehene Banken] ist ein sehr hoher Zinssatz zu verlangen. Das wird die Mehrzahl der Anträge von Bankern verhindern, die sie gar nicht brauchen.“

Banken konnten aus Konkurrenzgründen auf Billig-Geld nicht verzichten?

Heinsohn: Richtig. Das führte dazu, dass amerikanische Banken bis 2007 ihre Schulden auf 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinaufschraubten. 20 Millionen Amerikaner, die zuvor noch nie eine Kreditabteilung betreten durften, bekamen ab 2001 Kredit und dazu einen Zins angeboten, der ihnen mirakulös niedrig erscheinen musste. Als Pfand wurde von diesen „Subprime-Borgern“ das erst zu bauende und dann im Preis auch noch steigen sollende Hauseigentum akzeptiert. Dabei geht es, rechnet man drei Bewohner pro Einheit, immerhin um Wohnraum für sechzig Millionen Menschen – das ist die Bevölkerung von Frankreich oder Großbritannien. Im November 2004 wurde der US-Zentralbankzins von 0,75 auf drei Prozent vervierfacht und bis Mai 2006 sogar auf sechs Prozent verachtfacht. Gewaltige Zinserhöhungen also. Drei Billionen Dollar wurden dadurch uneinbringlich. Das ist fast die Höhe des Eigenkapitals des gesamten US-Bankensystems.

Und die Banken haben die Risken nicht erkannt?

Heinsohn: Niemand glaube, dass die Geschäftsbanken die Risiken der Kredite an pfandlose Häuslbauer nicht erkannt hätten. Gerade weil sie genau Bescheid wissen und weil sie ihre Unterkapitalisierung kennen, werden die Kredite gebündelt und geschachtelt in alle Welt verkauft. Auch ihre Käufer sind nicht ahnungslos. Sie mögen diese Derivate nicht genau verstehen, aber ihre Gefahr spüren sie. Deshalb schließen sie für den Fall des Platzens Versicherungen ab. Diese Versicherungen werden zu einer eigenen Handelsposition mit vielfachem Billionenvolumen. Aber wie jede Feuerversicherung untergeht, wenn es bei allen Kunden gleichzeitig brennt, so verendet mit AIG eben auch die größte Versicherung der Menschheit, als die Blase platzt und bei den Häuslbauern nichts zu holen ist.

Sollten Banker und Käufer von Subprime-Schulden gerechterweise ihre Forderungen nicht besser abschreiben, statt den Staat zu bemühen?

Heinsohn: Sie müssten vom Milliardär auf Multimillionär umschulen. Das wäre bitter. Deshalb überzeugen sie die Regierungen, dass bei ihrer Rasur das gesamte System unterginge. Okay, sagen die, unsere Steuerzahler haben die Hosen vor einem möglichen Systemkollaps so voll, dass ihr oben bleiben dürft. Wir schicken einfach die Bürger für euch ins Obligo. Dafür verstaatlichen wir Versicherungen wie die AIG oder die Hypo-Real und stellen eure uneinbringbaren Forderungen an diese Häuser durch neue Staatsschulden glatt. Natürlich hätten wir den Bürgern eine Einlagengarantie geben und mit den gewaltigen Hilfsmitteln solide Volksbanken kapitalisieren können. Aber dann wäre bestimmt das System untergegangen. Zudem halten wir die Zentralbankzinsen bei null.

Wenn die Zentralbanken Fehler gemacht haben, soll man sie dann abschaffen?

Heinsohn: Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich gehöre nicht zur österreichischen Schule von Hayek und anderen, die Zentralbanken ganz abschaffen will. Wenn die ihre Aufgabe als Verleiher letzter Instanz korrekt ausfüllen, Zinsen und Sicherheiten verlangen und ihr Eigenkapital nicht riskieren, wirken sie als Puffer gegen einen Run auf Banken. Hinter diese Errungenschaft darf man nicht zurück. Was es braucht, ist eine Bankenaufsicht auch für die Zentralbanken. Denn ihre Unabhängigkeit kann nicht bedeuten, dass sie die Regeln des Bankwesens verletzen. Dabei geht es nicht um Tausende von Häusern und Millionen von Händlern, sondern gerade um zwei Dutzend Einrichtungen, die sich für Wasserwerke halten, obwohl sie Banken sind. Dazu hätten die G20 Ende September 2009 in Philadelphia handeln sollen. Aber sie schlugen mit den Investmentbanken lieber den Sack als die zentralbanklichen Esel, die mit ihrem Nullzinsgeld die Banken irrsinnig gemacht und die Märkte außer Kraft gesetzt haben.

Früher konnten Pleite-Länder wie etwa Griechenland abwerten. Im Euro-Raum ist dies nicht mehr möglich. Entpuppt sich hier die gemeinsame Währung nicht auch als Schwäche?

Heinsohn: Griechenlands Problem besteht darin, dass es nirgendwo Innovationsführer ist und im Wesentlichen von Sonnenschein lebt. Die Steigerung von Konkurrenzfähigkeit durch Abwertung macht doch nur Sinn, wenn die dann besser zu verkaufenden Industriegüter oder Softwarelösungen im Land überhaupt auf Weltmarktniveau hergestellt werden. Niemand behauptet das. Von 1981 an hat deshalb jeder Grieche Tausende Euro aus EU-Kassen als Sozialhilfe erhalten. Aber diese Kassen werden ebenfalls mit Schulden bestückt, also mit dem Versprechen auf Zinsungen und zukünftige Tilgungen aus üppigen Steuern „reicher“ Mitglieder. Bloß sind bei denen auch keine zusätzlichen Steuern mehr zu holen. Griechenland hat eine Nettosparquote von minus 5,1 Prozent gegenüber plus 6 Prozent in der Gesamt-EU. Die Herren Athens könnten also selbst bei Einsatz von Steuereintreibern mit gezückter Pistole niemals aus den Leistungen der eigenen Menschen bedienen, was die als Staatsbürger schulden.

110 Milliarden Euro macht das Hilfspaket für Griechenland aus.

Heinsohn: Ob das aktuelle Hilfspaket nun 40, 80 oder 160 Milliarden Euro kostet, kann unsere Griechen kalt lassen. Ob am Ende 610.000 oder gar 630.000 Euro pro Kopf zu Buche stehen (die Prokopfschuld jedes Griechen beträgt 600.000 Euro), ist egal, denn uneinbringbar bleiben beide Beträge. Wenn die deutsche Führung sich dennoch immer wieder in die Brust wirft, wie sehr sie auf Einsparungen beharrt, bevor die Milliarden fließen, vergisst sie einmal mehr, dass man einem Nackten nicht in die Taschen greifen kann. Selbst wenn unsere griechischen Erwerbstätigen 2010 auf 40 Milliarden Euro oder volle vier Monatsgehälter verzichteten – selbst Schäubles „strikter Sparkurs“ für Athen fordert nur ein Zehntel davon –, ginge ihre Prokopfschuld gerade mal auf 590.000 Euro herunter. Bankrott bleiben sie so oder so. Aber unterschreiben werden sie alles, auch beim IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, der sogar verspricht, „das Schuldenproblem Griechenlands dauerhaft zu lösen“.

Im Verschleiern und Verheimlichen sind die Griechen ja Europameister.

Heinsohn: Vor dem Internationalen Währungsfonds mag man all das verheimlichen können. Doch die Rating-Agenturen finden es heraus und werden dann neugierig auf Länder, die immer noch glauben, eine Wurst zu haben, mit der sie nach der griechischen Speckseite werfen können. Wer genau sind die „vorbildlich wirtschaftenden“ Deutschen, die jetzt widerwillig, aber irgendwie auch böse stolz für mediterrane Grillen aufkommen? Unter 40 Millionen Erwerbstätigen hat der EU-Riese 25 Millionen voll versicherte Nettosteuerzahler. Auf die fallen zusätzlich zu ihren persönlichen Obligationen offizielle 1800 Milliarden Euro Staatsschulden. Pro Nase sind das 72.000 Euro oder zwei unversteuerte Jahresgehälter. Aber auch zwischen Rhein und Oder gibt es die unausgewiesenen Verpflichtungen. Bernd Raffelhüschen veranschlagt sie Anfang 2010 auf 6200 Milliarden Euro. Auf jeden unserer Nettoleister fallen damit 240.000 Euro Schulden oder sieben unversteuerte Jahresgehälter. Und dieser Einäugige unter Blinden gilt als bester Schuldner der Menschheit.

Die Rating-Agenturen geraten immer mehr ins Schussfeld der Kritik. Tragen sie Mitschuld an der Krise?

Heinsohn: Wenn Zentralbanken nicht mehr mit Nullzins die Geschäftsbanken zu schlecht besicherten Ausleihungen und damit Riskierung ihres Eigenkapitals verführen, dann sind auch Rating-Agenturen nicht mehr verführt, gegen gute Bezahlung durch Geschäftsbanken diese Kredite und ihre Derivate über den grünen Klee zu loben. Die Vergehen von Geschäftsbanken und Rating-Agenturen sind unstrittig. Aber ohne Anstifter aus der Etage darüber können sie nicht allzu viel Unsinn anstellen.

Was, wenn die Lage in Griechenland weiter eskaliert? Könnte es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen?

Heinsohn: Bei 1,37 Kindern pro Frau fehlt dafür das schießende Personal. Nach ein paar Gefallenen träte schnell Ruhe ein. Im Bürgerkrieg von 1943 bis 1949 mit seinen 160.000 Toten hingegen kämpften in den 20er Jahren geborene Jünglinge, als jede Griechin zwei bis drei Söhne aufzog.

Europas Bevölkerung ist im Gegensatz zu den USA im Schrumpfen begriffen. Wer soll unsere Staatsschulden jemals bezahlen?

Heinsohn: Niemand weiß einen Ausweg aus dem demografischen Fiasko der mit Armenien und Georgien 22 Staaten zwischen Oder und Wladiwostok. Dieser Großraum stürzt von 215 Millionen Erwerbsfähigen im Jahre 2005 auf maximal 140 Millionen 2050, wobei die Gesamtbevölkerung von 350 auf mindestens 240 Millionen schrumpft. Hingegen erfolgt in den USA eine Zunahme der Arbeitsfähigen von 180 auf 230 Millionen. Nach dem 20-Millionen-Rückstand auf die 200 Millionen Arbeitsfähigen Westeuropas des Jahres 2005 werden die Amerikaner bis 2050 auf einen Vorsprung von 70 Millionen davonziehen. Dafür wird Europa bei der Softpower vorne liegen: 2050 werden hier knapp 100 Millionen Rentner gegen dann 85 Millionen in den USA die Stellung halten.

Klingt sehr pessimistisch.

Heinsohn: Und doch fallen diese Prognosen für Europa viel zu optimistisch und für Nordamerika zu pessimistisch aus, weil die beteiligten Bevölkerungen in der Alten Welt ihr Abrutschen nicht still aussitzen werden. Ihre tüchtigen und beweglichen Anteile wechseln beizeiten in den demografisch ebenfalls kämpfenden und deshalb massiv anwerbenden Anglo-Raum über. Allein für das Verlangsamen ihrer Alterung – und nicht etwa für ihre Umkehr – benötigen Australien, England, Irland, Kanada, Neuseeland und die USA pro Jahr 1,7 Millionen skilled immigrants. Das entspricht den jährlich 1,7 Millionen Neugeborenen in den fünf Staaten Deutschland, Schweiz, Österreich, Polen und der Ukraine. Durch eine sich noch intensivierende Bemannung der Werkstätten und Mauern Nordamerikas durch Europas Jugend könnte „USAnada“ von heute 340 Millionen deshalb nicht nur auf die für 2050 prognostizierten 465 Millionen steigen, sondern über 550 Millionen erreichen, weil ja auch Talente aus den schnell vergreisenden Behemoths in Ostasien wie China, Japan und Korea nach Nordamerika streben.

In den USA zeichnet sich nun bei Gewerbeimmobilien die nächste Blase ab. Vierzig Prozent der amerikanischen Banken könnten pleite gehen.

Heinsohn: Die Gefahr ist da. Es wären sogenannte Retail Banks, die dann untergingen, also übers Land verteilte Häuser. Doch bitte immer die zuvor besprochene amerikanische Demografie im Auge behalten: Die kriegen jedes Jahr ein Berlin plus Köln dazu! Da entstehen Unternehmen, die auch Raum benötigen.

Der Historiker Niall Ferguson meint, dass amerikanische Staatspapiere ein genauso sicherer Hafen seien wie Pearl Harbor 1941. Was sagen Sie dazu?

Heinsohn: Wer überhaupt Staatspapiere kaufen will und fragt, wo sie in Zukunft besser bedient werden können, wird mit den Staatspapieren der USA oder jenen Kanadas jedenfalls die weniger aberwitzige Wahl treffen.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom in Deutschland (emeritiert). Im September des Jahres kommt er für zwei Monate zu Vorträgen nach Wien

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