Nächste Krise: China

Alexandra Aurelia Nemeth | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Die Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Huber und Michael Kirchler der Uni Innsbruck sowie Franz Diboky von der Uni Wien antworten auf Gunnar Heinsohn (Seite 14–15)

Zentralbanken haben aus ihren vergangenen Fehlern gelernt“, sagt Jürgen Huber, Universitätsprofessor an der Uni Innsbruck. „Sie trugen viel zur Depression zwischen 1929 und 1933 bei, indem sie die Zinsen erhöhten und die Geldmenge reduzierten, als das Gegenteil vonnöten war.“ Heute sei das anders: Zentralbanken hätten in den letzten Jahren richtig gehandelt, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Nämlich die Zinsen gesenkt und die Geldmenge ausgeweitet.

Während Gunnar Heinsohn von einer „Lockung durch die Zentralbanken und einer Unterkapitalisierung der Geschäftsbanken“ spricht, meint Jürgen Huber, dass „Geschäftsbanken sehr wohl Eigenkapitalreserven hätten aufbauen können. 2001 bis 2006 wurden überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielt.“ Wo ist das ganze Geld? Laut Huber in den „Boni der Manager und Aktionärsdividenden“. Für diese Entwicklung seien die Geschäftsbanken verantwortlich, so der Experte.

Versagen der Regulierungsbehörden

Gunnar Heinsohn bezeichnet die Niedrigzinsen der vergangenen Jahre als „mirakulös“. Geschäftsbanken wollen eben nicht auf „billiges Geld“ verzichten. Warum? Weil sie konkurrenzfähig bleiben müssen. Und: Die kurzfristig niedrigen Zinsen sind in schwierigen Zeiten attraktiv. Fazit: 20 Millionen kreditunwürdige Amerikaner nutzten das Angebot. „Aber schon im November 2004 wird der Zinssatz von 0,75 Prozent auf drei Prozent vervierfacht. 2006 sogar verachtfacht“, so Heinsohn.

Michael Kirchler, Assistenzprofessor an der Uni Innsbruck, argumentiert: „Hier gab es eine schrittweise Zinserhöhung alle eineinhalb Monate bei jeder Sitzung der FED um jeweils 0,25 Prozent. Von 1 Prozent im Jahr 2004 bis hin zu 5,25 Prozent im Jahr 2006.“

Im historischen Vergleich sind derartige Zinshöhen nicht als abnormal zu betrachten. Kirchler macht die Zentralbanken nicht alleine für die Krise verantwortlich. Im Gegenteil: Die Behauptung des deutschen Ökonomen „erfasst die Komplexität der modernen Finanzmärkte nicht“. 2001 kommt ein relativ neuer Prozess hinzu: die Verbriefung. Banken verkaufen Kredite – gebündelt und in verschiedenen Risikotranchen – an Investoren. Somit entfällt jegliches Ausfallsrisiko für die Banken.

„Da die Banken keine Kreditrisiken mehr zu tragen hatten, vergaben sie leichter Kredite. Die Regulierungsbehörden haben versagt“, sagt Kirchler. Heinsohn wäre mit einer Bankenaufsicht auch für Zentralbanken einverstanden. Weil die „Unabhängigkeit nicht bedeutet, dass die Regeln des Bankenwesens verletzt werden können“.

China und Gewerbeimmobilien

Franz Diboky vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Wien sieht mittelfristig eine Gefahr in den Emerging Markets.

„Mein Tipp für die nächste Krise: China. China hat seit Jahren immense Wachstumsraten.“ China wird laut Eurostat ein 9-prozentiges BIP-Wachstum im Jahr 2011 verzeichnen. Während das durchschnittliche Wachstum der Eurozone um 1 Prozent liegt. „Außerdem kann China im Falle einer Krise auf Goldreserven und US-Staatsanleihen zurückgreifen. Wenn China einknickt, besteht die Gefahr, dass es US-Staatsanleihen auf den Markt wirft. Fatal für die US-Wirtschaft“, betont Diboky.

Manche sehen die nächste Blase wieder in den USA. Stichwort: Gewerbeimmobilien. Auch die renommierte amerikanische Insolvenzspezialistin Elizabeth Warren glaubt an den nächsten Crash auf dem Markt für Gewerbeimmobilien und große Mietwohnungskomplexe.

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