Minsky hat es schon gewusst

Martina Powell | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Ökonomen haben das gegenwärtige Desaster in Modellen dargestellt. Es hat nur keiner auf sie gehört

Gegenwärtig haben „alte“ ökonomische Modelle Hochkonjunktur. Der derzeit vermutlich meist zitierte Ökonom veröffentlichte sein Hauptwerk 1936: Zur Zeit der Großen Depression schrieb John Maynard Keynes dem Staat die Rolle zur Rettung der Wirtschaft zu. Als „Theoretiker der Gegenwart“ gilt mittlerweile auch Hyman Minsky, 1919 in Chicago geboren und Student beim österreichischen Ökonomen Alois Joseph Schumpeter. Aktuell ist Minsky deshalb wieder, da er bereits 1986 in seinem Buch „Stabilizing an Unstable Economy“ erklärte, wie eine Wirtschaft in eine Finanzkrise schlittern kann.

Minsky ist gleichzeitig auch Beispiel dafür, dass die Wirtschaftswissenschaften nicht „blind“ für mögliche Katastrophen waren. Es war der öffentlichen Diskurs, in dem kritische Modelle keinen Platz fanden und deshalb in Bibliotheken verstaubten. So wurde das vor über 20 Jahren formulierte „Minsky-Moment“ – in dem Banken zunächst bereitwillig Kredite vergeben, viele Schuldner aber das System später zum Kollaps bringen – erst heute populär.

Das Werkzeug zum Erkennen der Krise war da. Es wurde nur nicht angefasst. Ein Grund dafür: Minsky hatte die Tücken des Systems zu einem Zeitpunkt vorhergesagt, in der die Aktienkurse noch stiegen. Ein Modell, das seiner Zeit weit voraus war und dessen praktische Anwendung erst gefunden werden musste.

Ist es also falsch, stark vereinfachte Modelle zu konstruieren, die oft nur als „Modeerscheinungen“ wahrgenommen werden und irgendwann in Bibliotheken landen, weil sie aktuell keine Anwendung finden?

Nein, sagt Gerhard Sorger, Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wien. „Gute Modelle sind gute Straßenkarten. Wenn ich Hausnummern oder Restaurantadressen suche, dann nehme ich mir keine Wanderkarte, sondern Abbildungen, auf denen steht, was ich suche.“ Genau das würde oft in der Diskussion vergessen werden: Modelle sind abstrakt und beleuchten Themen aus einer bestimmten Perspektive.

Deshalb gibt es laut Sorger erstens keine eindeutige Antwort darauf, was ein „nützliches“ oder „gutes“ Modell ausmacht; und zweitens sei auch der Vorwurf falsch, die Wissenschaft habe sich immer mit dem Gleichen beschäftigt. „Warum soll man nicht auf Bewährtes zurückgreifen?“ Solange ein Modell gut kommunizierbar und auch nützlich und verständlich für Entscheidungsträger ist, könnte man ruhig auf „gute“, „alte“ Modelle zurückgreifen, sagt Sorger. Dass Modelle wie jenes von Keynes vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren und heute wieder als „Modeerscheinung“ in der Öffentlichkeit auftreten, liegt daran, dass es Ähnlichkeiten der beiden Krisen gibt.

Manchmal sind derartige Modeerscheinungen jedoch nicht auf Forschungsdebatten zurückzuführen, sondern eher auf die politischen Interessen von Entscheidungsträgern, die Modelle für ihre Sache instrumentalisieren.

Die Meinung, die Wirtschaftswissenschaften hätten Schuld an der Krise, kommt auch von der verzerrten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, was die Aufgaben von Wissenschaftlern betrifft, kritisiert Sorger: Denn es ist Angelegenheit der Entscheidungsträger und nicht der Ökonomen, auf aktuelle Krisen zu reagieren, zu handeln und Maßnahmen zu setzen. Der Ökonom hat die Aufgabe, Theorien, also „passende Landkarten“ für seine Disziplin zu entwickeln.

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