„Wirtschaft ist nichts für Ökonomen“

Verena Ahne | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Stephan Thurner, Finanzökonom, über kommende Krisen und einen möglichen Schutz vor ihnen

Der österreichische Finanzwissenschaftler Stefan Thurner befasst sich mit komplexen Systemen, unter anderem als externer Professor am Santa Fe Institute, New Mexico, einem der renommiertesten Think Tanks der USA.

Falter HEUREKA: Herr Thurner, sehen Sie als Finanzökonom eine neue Krise?

Stephan Thurner: Die Gefahr ist sehr hoch. Die Finanzmärkte sind wieder, wo sie vor der Krise waren. Es werden spekulative Investitionen mit geborgtem Geld gemacht, als wäre nie etwas geschehen.

Müsste mehr reguliert werden?

Thurner: Vor allem anders. Leider ist die Politik schlecht beraten von einer Armee von Ökonomen, die man sich sparen könnte. Die handeln auf gut Glück, wie es ein Santa-Fe-Kollege vor Kurzem in Nature formuliert hat. Zum Beispiel die Bankenrettung: Die Regierungen dachten, sie müssen das machen, aus Angst, das System könnte sonst kollabieren. Aber der Wahnsinn ist, dass niemand weiß, wie es ausgeht, weder mit noch ohne Hilfspakete. Kein Mensch weiß, was systemisches Risiko ist.

Aber Wirtschaft und Finanzmärkte laufen doch langsam wieder besser?

Thurner: Auf den ersten Blick – eine typische Eigenschaft komplexer Systeme.

Komplexer Systeme?

Thurner: Systeme, die sich nur durch die Wechselwirkungen ihrer Teile verstehen lassen, nie durch die Teile selbst – in die sie von den reduktionistischen Wissenschaften der letzten 300 Jahre immer zerlegt wurden. Auch die Ökonomie hat das probiert. Nur: Komplexe Systeme ändern ihre Randbedingungen dauernd. Es findet Co-Evolution statt, was heißt, von den Details der Gegenwart hängt ab, was in der Zukunft passiert. Wichtig sind auch Netzwerkaspekte: Wer hat mit wem wie viel Interaktion? Das ist natürlich irrsinnig kompliziert, kein Mensch kann das überschauen. Erst mit dem Computer wird es rechenbar.

Wir waren bei der Wirtschaftslage …

Thurner: Und damit bei noch einer Eigenschaft. Komplexe Systeme sind oft robust, wie wir sagen, halten lange viel aus, ohne sich groß zu verändern: Fehler von Akteuren oder Institutionen. Kriminelle Aktivitäten. Selbst massive Eingriffe wie Bankenrettungen. Das geht bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt. Aber – und das ist entscheidend – eine einzige Intervention darüber hinaus, ein unvorhergesehenes Ereignis, und der Effekt der „Stabilisierungsmaßnahme“ kann sich ins Gegenteil verkehren! Das geht von einem Augenblick zum nächsten, ist nicht mehr kontrollierbar: Das System wird instabiler, als es unreguliert je gewesen wäre, und crasht. Ich meine wirklich: crasht. Da haben wir dann weltweit Kirgistan. Die Situation im Moment ist gefährlich. Durch die immensen Garantien, die das Geld ja binden, haben die Staaten Handlungsspielraum verloren. Wenn jetzt noch etwas Größeres passiert – vielleicht schon Griechenland –, kann es zu viel sein. Und wenn Staaten ihre Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen können, Dinge wie Pensionen und Arbeitslosenprogramme; wenn Krankenhäuser nicht mehr funktionieren und niemand mehr ein Gehalt kriegt, drehen die Leute durch. Dann drohen Aufstände.

Sie könnten es besser?

Thurner: Niemand weiß, wo genau der kritische Punkt liegt. Aber man kann Randbedingungen so verändern, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Crash sinkt – um Potenzen. Wir, damit meine ich die Komplexitätsforschung weltweit, hätten das Rüstzeug dazu, Veränderungen in Modellen durchzutesten. Wir haben in Wien und Santa Fe beispielsweise ein Finanzmarktmodell entwickelt, das einen kritischen Punkt für die Stabilität von Finanzmärkten klar benennt.

Welcher wäre?

Thurner: Der Leverage, also der Grad der Fremdfinanzierung von spekulativen Investments. Solche Kredite sind in der Finanzwelt massiv in Verwendung. Man konnte mit einem Dollar Eigenkapital problemlos sieben Dollar Kredit bekommen, um mit Aktien zu spekulieren, das ist ein Leverage von sieben. Investmentbanken waren „geleveraged“ mit 30, Fremdwährungsspekulationen mit 100. Das heißt, jeder Mensch, der bei einem e-trader 10.000 Dollar deponiert, kann für eine Million Dollar mit Fremdwährungen spielen! In unserem Modell steigt die Kollapswahrscheinlichkeit ab einem Leverage von zehn um Potenzen. Je höher der Leverage, umso größer die Crash-Gefahr. Viel, viel größer.

Wie wird so etwas berechnet?

Thurner: Wir arbeiten hier mit agentenbasierten Modellen („agent based models“): einem Nachbau der Welt mit dem Computer. Der ist ja ein Game-Changer: erlaubt Dinge, die vor ein paar Jahren noch als unmöglich galten. Das Mühsamste ist, sinnvolle Agenten zu kreieren und die Art ihrer Verbindungen zueinander festzulegen, ihre Netzwerke. Agenten sind die Akteurinnen und Akteure im jeweiligen System mit ihren typischen Eigenschaften: Banken, die Geld verleihen. Investmentfirmen, die Profit optimieren und Risiko minimieren. Es kann Jahre dauern, die Details zu verstehen. Ums Verstehen führt allerdings nichts herum. Wesentlich für ein qualitätvolles Modell ist, Parameter zu verwenden, die man messen kann. Nicht solche wie die Nutzenfunktion der klassischen Ökonomie. Niemand weiß, wie Nutzen gemessen wird. In Gramm? In Euro? In Zuneigung? Vielleicht ist das ein nettes Bild. Wissenschaftlich ist es absurd.

Treffen Sie nicht genauso willkürliche Annahmen?

Thurner: Die werden überprüft. Mit Simulationen über Tausende Zeiteinheiten hinweg generieren wir künstliche Strukturen, die es in der Wirklichkeit auch gibt, wie Preisentwicklungen oder typische Volatilitätsmuster. Tauchen diese Eigenschaften auf, ist das Modell o.k. Und das kann dann zum Beispiel zeigen, wie ein stabiles Netzwerk aussehen soll und durch welche Maßnahmen es sich dahin entwickelt. Daraus kann intelligente Regulation entstehen – eine, die sich selbst steuert –, nicht durch direkte Interventionen mit unbekanntem Ausgang. Über Netzwerk-Umkonfiguration kann reguliert werden!

Was müsste als Nächstes passieren?

Thurner: Der Leverage gehört aufgezeichnet, eventuell sogar publik gemacht: wer wo wie hoch verschuldet ist und was mit dem Geld geschieht. Das ginge sofort, ohne großen Aufwand – wie es seit Jahrzehnten gegangen wäre, die Daten sind im Prinzip in den Nationalbanken vorhanden. Dann erschrickt man vielleicht einmal fürchterlich, aber weiß wenigstens, was los ist. Um eingreifen zu können, müssen Gesetze geändert werden; in unserer neoliberalen Welt ist das schwer möglich. Wir stellen uns eine Art globales Thermometer vor: In jeder relevanten Finanzinstitution wird der Leverage gemessen, und wenn es irgendwo zu heiß wird, wird die Kreditvergabe heruntergefahren. Drittens braucht es ein Gremium, das entscheidet: Wann sagen wir, dass der Leverage runter muss? Ein Kredit ist ja an sich etwas Tolles, damit kann man Sachen machen, die ohne Kredit nicht möglich wären. Man soll es nur nicht übertreiben. Das war jetzt die Quintessenz (lacht).

Wie hoch ist der ideale Leverage?

Thurner: Es gibt kein optimales Maß. Ohne Leverage wird die Wirtschaftsleistung gehemmt, mit hohem Leverage boomt und „bubbled“ sie – kann aber genauso schnell wieder abstürzen. Die Gesellschaft muss einen Konsens finden, ob sie es langsam will, auf Sicherheit, oder schnell. Das ist dann Hochschaubahn. Stabil ist das System bei einem Wert deutlich unter fünf.

Da würden wohl viele schreien.

Thurner: Da schreien viele laut. Zum Beispiel die Finanzindustrie. Der bringen die Tageskredite ja gute Zinsen für Geld, das sonst in der Bank rumliegt.

Glauben Sie trotzdem, dass Sie mit Ihren Ideen Chancen haben?

Thurner: Im Moment denken viele darüber nach, wie der Finanzmarkt in Zukunft aussehen könnte, Institutionen wie die OECD, für die wir gerade eine Studie machen. Es wird sich viel ändern. Was wir sagen: Es ist wichtig, auf diesem Weg weiterzugehen, statt noch immer den so klar falsifizierten ökonomischen Dogmen zu folgen. Die haben ausgedient. Wirtschaft ist nichts für Ökonomen, sie ist ein komplexes System. Nur wer das berücksichtigt, kann sinnvolle Modelle entwickeln.

Stefan Thurner, theoretischer Physiker und Finanzökonom, Professor am neu gegründeten Institut für Wissenschaft Komplexer Systeme an der MedUni Wien

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