Reich ist, wer sozial ist

Emily Walton | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Alle reden von der Krise und vom Sparen, besonders im Sozialbereich. Dabei gibt es den Social Return on Investment

Sebastian F. hat keinen Job. Er lebt vom Staat. Bis er in einer Integrationswerkstätte zu arbeiten beginnt. Auf diesem „zweiten Arbeitsmarkt“ restauriert er zusammen mit anderen Arbeitslosen Möbel. Sofas, Tische, Schaukelstühle. Die öffentliche Hand fördert das Projekt, spart sich dafür aber die Sozialleistungen an Sebastian F. Er verdient nun sein eigenes Geld, ist sinnvoll beschäftigt. Zudem landen die alten Möbel nicht auf der Müllkippe. Das schont die Umwelt und indirekt wieder den Staatshaushalt.

„Soziale Projekte haben eine ganze Bandbreite an Wirkungen“, sagt Reinhard Millner von der Abteilung für Nonprofit-Management an der Wirtschaftsuniversität Wien. Einer seiner Schwerpunkte: Social Return on Investment (SROI). Jenes Konzept, das den ökonomischen Wert eines sozialen Projekts um den Faktor „gesellschaftlicher Nutzen“ ergänzt.

SROI-Modelle untersuchen dabei zwei Wirkungsfelder: die Kosten, die durch ein soziales Projekt eingespart werden, und den Mehrwert, den es für die Gesellschaft bringt. Ökonomische und soziale Faktoren werden dabei berechnet, einander gegenübergestellt und zu einem gemischten Unternehmenswert kombiniert. Am Ende kommt eine Kennzahl heraus, zum Beispiel 3,4: Jeder Euro, der in dieses Projekt investiert wird, bringt einen Rückfluss im Wert von 3,4 Euro.

Soziale Projekte sind damit nicht nur gut gemeinte Kostenfresser. Sie stiften echten Mehrwert. Denn der Staat spart bei Sebastian F. nicht nur Arbeitslosengeld, Mobilitäts- und Wohnförderung: Sebastian F. wird auch sozial integriert. Er bewegt sich mehr, trinkt weniger Alkohol, sogar die ärztliche Behandlung seiner Depressionen kann sich der Staat bald sparen. Später wird Sebastian F. besser verdienen, Steuern an den Staat zahlen und mehr konsumieren. Vielleicht tritt er auch einem gemeinnützigen Verein bei oder leistet ehrenamtliche Dienste. Social Return on Investment ist die Idee des sozialen Profits.

Profit, davon will man mehr hören, muss der Staat doch mit seinen Mitteln sparsam sein. Soll das knappe Geld wirklich in soziale Projekte investiert werden, die kaum oder keinen ökonomischen Profit machen? „Wir haben in unserer Gesellschaft eine eingeschränkte Vorstellung von Profit. Soziale Unternehmen werden oft nur als gemeinnützige Spendenempfänger gesehen. Der Gedanke, dass sie sozioökonomische Werte generieren, ist vielen fremd“, sagt Sozialforscher Rainer Loidl, der als einer der Ersten im deutschsprachigen Raum Studien zum SROI durchführte.

In Österreich ist das SROI-Konzept wenig verbreitet. Die angloamerikanischen Länder geben eine andere Richtung vor. Die britische Vodafone-Stiftung setzt etwa das SROI-Instrument jedes Mal ein, bevor sie Fördergelder vergibt. „Der Grundstein für SROI wurde in Amerika gelegt, in den frühen 90ern vom Roberts Enterprise Development Fund“, sagt Loidl.

Die englische New Economics Foundation (nef) führt den SROI-Gedanken noch einen Schritt weiter und fokussiert auf den sozialen Mehrwert, den der Einzelne für die Gesellschaft bringt. Die Briten untersuchten sechs Berufsgruppen. Das Ergebnis: Kinderbetreuer oder auch Reinigungskräfte in einem Spital schaffen pro eingenommenen Euro soziale Rückflüsse von zehn Euro. Ein Banker vernichtet sozialen Wert.

Ein Grund, künftig dem Kindergärtner mehr als dem Banker zu bezahlen? „Das Social-Return-on-Investment-Modell könnte helfen, extreme Gehaltsunterschiede einzudämmen“, sagt Bruno Gangel, Gehaltsexperte von C2X Human Strategy. „Würden wir aber tatsächlich nach dem sozialen Mehrwert entlohnen, würde sich das ökonomische System an die Wand fahren.“

Die schwierige Umsetzung der SROI-Konzepte ist es auch, die die Wissenschaftler selbst Kritik ausüben lässt. „Welche Faktoren lassen sich schon genau messen?“, fragt Wirtschaftswissenschaftler Millner.

Wäre der Langzeitarbeitslose Sebastian F. kriminell geworden, wäre er nicht im Sozialprojekt aufgenommen worden? Häufig kann man nur Annahmen treffen. Proxies, Ersatzwerte, wie etwa die Kriminalitätsstatistik, werden herangezogen, die die Ergebnisse schwammig machen. „Zudem ist zu überlegen, wo man die Grenzen zieht“, sagt Millner. Die Rechnung ließe sich schließlich immer fortführen: Was ist, wenn Sebastian F. Kinder zeugt und eine Haushaltskraft beschäftigt? Damit schafft er Arbeitsplätze und sichert das Pensionssystem … Doch nicht einmal mit festgelegten Grenzen wäre die Vergleichbarkeit gesichert. Millner: „Beim Langzeitarbeitslosenprojekt sind die Auswirkungen leichter zu erkennen als etwa bei einer Organisation, die sich für internationale Friedensprozesse einsetzt.“

Irgendwann soll es standardisierte Modelle geben, sagen die Wissenschaftler. Noch ist die Forschung nicht so weit. „Aber auch dann wird es nicht das Ziel sein, Modelle flächendeckend über alle Organisationen zu legen“, sagt Millner. SROI-Modelle sollen viel eher Instrumente der Analyse sein und ein Verständnis dafür schaffen, wie soziale Initiativen funktionieren. Es geht nicht ums Durchrationalisieren, sondern um Bewusstsein: „Soziales Unternehmertum ist leider noch ein Randthema. Auch in der Privatwirtschaft“, sagt Millner. Auch hier wäre eine soziale Investitionsrechnung anwendbar. Unternehmen könnten ihre Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten prüfen: Was bringen nachhaltige Produkte oder die Beteiligung an einem Hilfsprojekt?

Wichtig ist dabei, dass soziale Wirkung und Nachhaltigkeit im Vordergrund stehen, nicht der geldwerte Erfolg – und auch nicht ein bloßer Wert wie 3,4 oder 4,1 oder 10,9. „Sonst hat man wieder ein System der konkurrierenden Profitzahlen“, sagt Sozialforscher Loidl. Mittelkürzungen für wichtige Nischenprojekte wären die Folge. Auch Georg Kraft-Kinz, Obmann vom Verein „Wirtschaft für Integration“ und Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, lehnt eine reine kennzahlorientierte Beurteilung ab. „Man muss vom Mehrwert des sozialen Engagements auch persönlich überzeugt sein.“

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