Kommentar

Brief aus Brüssel

Christian Bretter | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Auch in Zukunft wird die Union ein Gebilde aus Zahlen sein. Die einzelnen Mitglieder werden sich am europäischen Hof in Bruxelles gegenseitig weiterhin ihre Zahlen vorlegen und die werden so fesch frisiert sein wie die – in sauberen Sonntagsanzügen gekleideten – Eurobeamten.

Einzig, ob dies die Deutschen auch so handhaben, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wenn irgendjemand in Europa die Vernunft über den Schein stellt, so könnten dies die Deutschen sein. Daher kommen die auch ganz schön ins Schwitzen. Wenn sie bis jetzt ehrlich waren, so sind sie jetzt die Deppen.

Es wird gespart. Daher wird ja auch alles wieder gut. Nur wird sich das leider irgendwann als Irrtum erweisen, wenn man für eine positive Weiterentwicklung der Union ist. Die Zahlenvernunft allein dürfte nämlich für den Fortbestand zu wenig sein.

Es wird gespart. Spanien, das aktuell den EU-Vorsitz innehat, verzichtet auf große Selbstinszenierung. Üblicherweise lädt jedes Vorsitzland die Attachés aller anderen Unionsmitgliedsländer großzügig ein. Auch Spanien macht dies, aber gedrittelt. Die Spanier haben gemeinsam mit Belgien und Ungarn, den beiden kommenden Ratsvorsitzländern, eingeladen. Das feine Diner wurde gegen ein Buffet mit Pappbechern getauscht.

Der Ort des Zusammenseins war ein für Ratsvorsitzeinladungen unüblicher – ein Künstleratelier. Der 104 Jahre alte Künstler Marcel Hastir lebt im Parterre, das darüberliegende Atelier benutzt er nicht mehr, es wird für Veranstaltungen vermietet. Das Atelier liegt, für die Sparmaßnahme paradox passend, in der Rue Commerce im europäischen Verwaltungsviertel unweit des Verbandes der chemischen Industrie und der American Chamber of Commerce.

Dieses Atelier, das während des Nationalsozialismus vertriebene Juden beherbergte, bildet metaphorisch eine Zelle in der Straße des Kommerzes. Es symbolisiert die Unvernunft. Sie fehlt in den Versuchen, den angeschlagenen Karren EU weiterzufahren.

Kunst agiert mit der anderen Vernunft, der Unvernunft. Eine Union, einzig gestützt auf dem Versuch, vernünftig zu sein, ist für die Menschen nicht spannend. Vernunft allein ist nicht sexy genug. Und wer glaubt, Geld sei eine vernünftige Sache, der hat die Gegenwart verschlafen.

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