Was am Ende bleibt

Das Leben in der Nachwelt

Adolf Holl | aus HEUREKA 2/10 vom 19.05.2010

Ich bekam kürzlich eine Dissertation in die Hand, in der es um Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ geht. Aus Höflichkeit und um meinen Alltag zu erheitern, habe ich das durchgeblättert – ich kann nicht umhin, derartige Unternehmungen, die ganze Jahrtausende im Handumdrehen auf den Begriff bringen wollen, zu belächeln. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung – für mich ist es jedenfalls komisch.

Das abgelaufene Jahrhundert, das ich zum Teil erlebt habe, bietet jedenfalls keinen Grund zur Heiterkeit. Zum Glück war es, wie Eric Hobsbawm meinte, das kürzeste Jahrhundert und dauerte nur – samt den bekannten Ergebnissen – von 1914 bis 1989.

Was mich als Schriftsteller daran interessiert, ist der Umstand, dass die sogenannten großen Erzählungen ausgedient haben und wir heute auf der Bühne wie Clowns stehen, denen die Witze ausgegangen sind. Das Publikum wird unruhig. Wie sollen wir jetzt über uns reden? Früher sprach man von „Altertum“, „Mittelalter“, „Neuzeit“, dann wurde alles schneller, wir sagten „Moderne“, schließlich „Postmoderne“. Was machen wir in den nächsten fünfzig Jahren?

Wir könnten zur Abwechslung einmal sagen, wir leben in einer alternden Welt. Das ist eine Anknüpfung an den Heiligen Augustinus – die hatten damals so ein Gefühl. Das ganze Imperium war mit dem Christentum auf den Kopf gestellt worden – das Weltalter erschien als greisenhaft. Gerade in der gegenwärtigen Debatte um die sogenannte Krise fällt mir ein Begriff aus Jacob Burckhardts „Kultur der Renaissance“ ein, der von einer besten und einer sinkenden Zeit sprach.

Spenglers Ausdruck „Untergang“ gefällt mir nicht, das ist viel zu pathetisch, und überdies ist sein Blick viel zu adlerartig – er fährt über alles hinweg, er weiß immer alles. „Sinkende Zeit“ gefällt mir viel besser, weil es deutlich macht, dass dieses Weltsystem Abnutzungserscheinungen hat. Ich meine damit nicht, dass der höchst robuste Kapitalismus in seinen letzten Zügen liegt – für einen Historiker wäre eine solche Sichtweise lachhaft –, der Kapitalismus ist nach wie vor sehr lebhaft unterwegs! Was vielmehr zutrifft, ist der Umstand, dass das Gefühl der Fortschrittlichkeit weltweit im Verblassen begriffen ist. Im Vergleich zu früheren Zeiten leben wir heute möglicherweise schon in einer Nachwelt.

Das Adolf Holl Brevier, Hg. Walter Famler, Residenz Verlag, St. Pölten, Salzburg, 2010, 217 Seiten

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige