Kommentar

Die Krise hat uns fest im Griff

Christoph Kratky | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Die Wahrnehmung, wie sehr es kriselt, hängt natürlich von der Perspektive und vom Grad der Betroffenheit ab. Der FWF hat „seine“ Krise bereits 2009 zu spüren bekommen: Minus 20 Prozent beim Vergabebudget und ein fast fünfmonatiger Bewilligungsstopp. Dafür gab es gegen Mitte 2009 Trost: ein vom BMWF garantierter Finanzierungsrahmen bis zum Jahr 2013, allerdings mit einem für fünf Jahre eingefrorenen Budget.

So sehr die dadurch gewährleistete Planungssicherheit zu begrüßen ist, so sehr darf nicht übersehen werden, dass Österreich Gefahr läuft, ganz aus dem Windschatten der „Innovation Leaders“ in Europa zu fallen. Die wichtigsten Referenzländer haben die Schlagzahl im Bereich der Grundlagenforschungsförderung erhöht und nicht reduziert. Fast bekommt man den Eindruck, als ob sich Österreich bereits hinter der Ziellinie, also im Kreis der Innovation Leaders, wähnt, weshalb man das Rudern bis auf Weiteres einstellt.

Weltklasseforschung und -ausbildung benötigen sehr viel Geld. Gemessen am Innovation-Leader-Anspruch ist unser Bildungs- und Wissenschaftssystem unterfinanziert.

Trotz aller rhetorischen Bekenntnisse besteht wenig Aussicht, dass die Universitäten und die Grundlagenforschung in absehbarer Zukunft mehr Geld bekommen. Dennoch wäre es falsch, die Hände in den Schoß zu legen und auf bessere Zeiten zu warten.

Unser Universitätssystem hat neben der Unterfinanzierung auch ein strukturelles Problem mit der Intransparenz seiner Finanzierung.

Unter dem Humboldt’schen Postulat der „Einheit von Lehre und Forschung“ erhält jede Universität ein Globalbudget, mit dem sie eine nicht spezifizierte Anzahl von Studierenden (alle, die kommen) auszubilden sowie eine ebenso wenig definierte Forschungsleistung zu erbringen hat. Strukturell bestraft dieses System attraktive und forschungsstarke Universitäten. Seit Langem ist klar, dass die Finanzierung von Lehre und Forschung, unterschiedlicher Logik gehorchend, getrennt zu erfolgen hat. Lehre muss studienplatzabhängig finanziert werden. Zur Finanzierung der Forschung haben sich kompetitive Verfahren international und national bewährt. Sie sollten daher verstärkt zum Einsatz kommen.

Eine Systemumstellung der Universitätenfinanzierung ist besonders in finanziell schlechten Zeiten angesagt, weil sie den Einsatz der spärlich verfügbaren Mittel optimiert. Sie braucht aber politischen Mut, da durch sie der Umfang der Unterfinanzierung erst in vollem Maße sichtbar wird. Auch in schwierigen Zeiten ist es bequemer, die Augen vor der Realität zu verschließen.

Christoph Kratky, Präsident des FWF, des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich

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