Editorial

Christian Zillner | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Als ich noch ein Bergbauernbub war und in der großen Stadt Philosophie studieren sollte, gab mir mein Vater die uralte Weisheit seiner Väter mit auf den Weg: „Wer brav studiert und nicht krepiert, der promoviert.“ Brav studiert habe ich nicht, krepiert bin ich nicht, diese doppelte Negation hat schließlich zum Doktorgrad geführt. Leider erwies sich auch die vorväterliche Weisheit am Gros der Dissertanten vor zwanzig Jahren als falsch. Nur zehn Prozent meines Dissertantenlehrgangs, in dem viel bravere Studierende waren, erlangten das Doktorat. Nur zehn Prozent und dann noch eine Flasche wie Zillner – das rief die Studienreformer auf den Plan. Das Studium musste effizienter werden. Was früher eine Laufbahn zur „Doktorwürde“ hieß, geriet zum „Output“, der mengenmäßig und in seiner Qualität gesteigert werden sollte. Österreichs Wissenschaftsreformer erhoben sich, und ein Sturm brach über den Universitäten los. Effizienz und Qualität wurden in so schwindelnde Höhen geschraubt, dass alte Flaschen wie ich versuchten, ihre Diss aus der Nationalbibliothek zu stehlen, um sie voll Scham zu verbrennen. Zwanzig Jahre später beträgt der Output an Doktoren unter den Dissertanten zehn Prozent. Das nennt man akademischen Fortschritt.

heureka@falter.at

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