Oralchirurgie

Von kranken Zähnen droht Diabetes

Dieter Hönig | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Was kranke Zähne alles verursachen können! So bestätigen zahlreiche internationale Studien der letzten Jahre: Eine parodontale Erkrankung kann nicht nur eine Komplikation des Diabetes mellitus sein, sondern trägt oft zu dessen Verschlimmerung bei, ja kann unter Umständen auch dessen Auslöser sein. Ende des Vorjahres nahm die Internationale Diabetes Föderation IDF diese Erkenntnisse zum Anlass, neue Richtlinien zur Mundgesundheit zu erlassen.

Die von der IDF gemeinsam mit der World Dental Federation FDI erstellten Richtlinien beinhalten konkrete Empfehlungen an Allgemeinmediziner und Internisten, ihre Patienten jährlich nach typischen Symptomen wie geschwollenem Zahnfleisch oder Zahnfleischbluten zu befragen. Symptomatische Patienten sollten, so die Empfehlung, zwecks professioneller Parodontalbehandlung zu einem Spezialisten weiterempfohlen werden. Parodontitis müsse unter Kontrolle gehalten werden, um das Diabetes-Risiko bei gefährdeten Patienten zu verringern bzw. bei bestehender Krankheit die Blutzuckereinstellung zu erleichtern.

Zahnärzte warnen vor den Folgen einer nicht behandelten Parodontitis. „Parodontitis löst im Körper Entzündungsreaktionen aus, die die Insulinresistenz beeinflussen können und zu ungesunden Blutzuckerwerten führen“, erklärt Samuel Low, Professor für Parodontologie und Präsident der American Academy of Periodontology AAP. Der Experte sieht die neue IDF-Richtlinie auch als verstärkte Motivation für Ärzte, interdisziplinär zusammenzuarbeiten. „In der täglichen Praxis begegnen uns nach wie vor zahlreiche Patienten, deren Parodontitis gar nicht oder nicht fachgerecht therapiert wurde“, berichtet der Wiener Universitätsprofessor, Zahnarzt und Oralchirurg Peter Solar.

„Den hochaggressiven Bakterienkulturen der Parodontitis ist in den meisten Fällen weder mit einer üblichen Standard-Dentalhygiene-Sitzung noch mit Antibiotika oder diversen Tinkturen Einhalt zu gebieten.“ Der Grund: Die schädlichen Bakterien reichen oft bis weit in die Tiefe des Gewebes und breiten sich zwischen Zahnwurzel und Kieferknochen aus. Dort zerstören sie, im Schutz eines sogenannten „Biofilms“ (auch als „Plaque“ bezeichnet) und somit weitgehend Antibiotika-resistent, Fasern, Gewebe und Knochen rund um die Zähne. Die dabei angegriffene Fläche kann etwa die Größe einer männlichen Handfläche ausmachen. Bei einer fortgeschrittenen Parodontitis kämpft der Organismus eines Erkrankten permanent gegen ein sehr großflächiges, bakteriell infiziertes Gewebe, das sich nicht in der Mundhöhle, sondern mitten im Kieferknochen, also im Körper, befindet.

Peter Solar beschreibt eine nichtoperative Behandlung gegen diese bakterielle Gefahr: „Bei der Parodontaltherapie bekämpft man diese Bakterien in mehreren Sitzungen tief unter der Schleimhautoberfläche durch Reinigung mit Spezialinstrumenten wie Ultraschallspitzen, Ozonsonden und Laser.“

„Zusätzlich erfolgen meist auch antimikrobielle subgingivale Spülungen mit 0,2-prozentiger Chlorhexidinlösung und lokaler Applikation eines 1-prozentigen Chlorhexidingels. Parallel dazu sollte Doxycyclin über einen Zeitraum von zwei Wochen eingenommen werden.“

Diese Therapiekombination zeigt laut Studien eine 1-prozentige Reduktion des HbA1c-Wertes binnen drei Monaten nach Behandlung – unabhängig von konventionellen Methoden der Diabetes-Einstellung.

„Patienten mit diagnostizierter Parodontitis sollten daher vom Zahnarzt zum Diabetes-Screening überwiesen werden, um parallel zur Parodontaltherapie eine passende Blutzucker-einstellung in die Wege zu leiten. Internisten sollten dagegen schwer einstellbaren Diabetes-Patienten mit Parodontitis-Symptomen die fachgerechte Parodontaltherapie empfehlen“, weist der Oralchirurg Solar noch einmal nachdrücklich auf die Wichtigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit hin.

Patienten selbst sind gefordert, ihren Zahnhalteapparat gesund zu erhalten. Voraussetzung sind eine tägliche Mundpflege sowie die professionelle Reinigung des Zahnhalteapparates drei- bis viermal pro Jahr.

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