Archäologie

Der Mayakalender vom Ende der Welt

Estella Weiss-Krejci | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

2012 wird wohl nicht so schnell aus unseren Köpfen verschwinden. Dass die Welt ausgerechnet im Dezember in zwei Jahren untergehen soll, haben wir vor allem dem Maya-Kalender und der „Langen Zählung“ mit dem Datum 13.0.0.0.0. zu verdanken. Paradoxerweise ist in den Mayainschriften in diesem Zusammenhang keineswegs vom Untergang der Welt die Rede. Der Tag danach ist mit 0.0.0.0.0.1 datiert. Das Datum weist demnach eine Stelle mehr als das Datum vom Vortag auf.

Datumszyklen und Datumssprünge wie von 1999 auf 2000 sind prädestiniert, Endzeitstimmung auszulösen. Ironie des Schicksals ist, dass ausgerechnet die klassischen Maya, für ihre mathematischen und astronomischen Errungenschaften bekannt und über komplexe Methoden der Zeitzählung verfügend, schon vor mehr als tausend Jahren untergegangen sind. Der Kollaps der Mayazivilisation nahm seinen Anfang in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im tropischen Tiefland des südlichen Peten in Guatemala und setzte sich kontinuierlich Richtung Norden bis nach Mexiko fort. Obwohl der Zusammenbruch insgesamt eineinhalb Jahrhunderte dauerte, wurden einige der Mayazentren doch sehr plötzlich aufgegeben.

Die genauen Ursachen für den Untergang sind bis heute ungeklärt. Zwar hat die Mehrzahl der Mayaforscher monokausale Erklärungsmodelle aufgegeben, dennoch mehren sich die Hinweise darauf, dass klimatische und ökologische Ursachen in diesem Prozess keine unbedeutende Rolle spielten. So wurde ab dem 8. Jahrhundert das Klima trockener, was im zentralen Tiefland zu Engpässen in der Wasserversorgung geführt haben könnte.

Auf Grund der Karsttopographie und Höhe von mehr als 150 Metern über dem Meeresspiegel war die Bevölkerung dieses Gebiets in der viermonatigen Trockenzeit ausschließlich von gespeichertem Regenwasser abhängig. Pollenanalysen haben gezeigt, dass bereits im 8. Jahrhundert ein Großteil der Wälder abgeholzt war. Dass die prekäre Umweltsituation soziale Krisen ausgelöst oder zumindest verstärkt haben könnte, ist auch nicht weiter verwunderlich. Es war ein Untergang: Nicht nur die Oberschicht, sondern die gesamte Bevölkerung verschwand aus dem zentralen Tiefland.

Der Wasserversorgung im Mayatiefland und den Ursachen für den Untergang der Mayazivilisation widme ich mich seit dreizehn Jahren. Einige Forschungskampagnen wurden vom FWF finanziert. In der Zwischenzeit haben sich Studierende aus Graz und Wien angeschlossen. Forschungsgebiet ist die Rio Bravo Conservation Area im Nordwesten von Belize. Das dicht bewaldete Naturreservat wird vom Programme for Belize verwaltet. Dieser Organisation ist es seit ihrer Gründung 1988 gelungen, 1052 Quadratkilometer Waldland vor der Rodung und somit Tiere, Pflanzen und archäologische Fundstätten vor der Zerstörung zu bewahren.

Innerhalb der Rio Bravo Conservation Area gibt es eine Vielzahl von größeren und kleineren Mayaruinen, die von Archäologen aus den USA erforscht werden. Das Interesse des österreichischen Teams gilt unter anderem dem Aguada Lagunita Elusiva, einem Reservoir von rund 25 Metern Durchmesser, das natürlichen Ursprungs ist, jedoch von den Maya stark modifiziert wurde. In der Trockenzeit sind aguadas fast wasserlos, in der Regenzeit oft bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Für die Tiere des Urwalds stellen sie eine wichtige Ressource dar. Sogar das menschenfressende Moreleti-Krokodil wurde öfter in diesen Wasserbecken gesichtet.

Ein aguada kann sich innerhalb von wenigen Tagen mit Wasser füllen wie im Mai 2008, als der Sturm „Arthur“ über Zentralamerika 217 Millimeter Niederschlag brachte. Welche Prozesse unter anderem für das Versiegen von Wasserquellen verantwortlich sein können, zeigte ein Ereignis am 28. Mai 2009. Wenige Stunden nach Mitternacht erfolgte ein Erdbeben der Stärke 7,3 auf der Richterskala, dessen Epizentrum im Meer vor der Küste von Honduras lag. Die direkten Folgen des Bebens für das Wasserreservoir ließen sich am selben Tag messen. Durch das Erdbeben hatten sich Risse am Grund aufgetan. Das Reservoir sackte in der Mitte um einen halben Meter ab, der letzte Wasserrest versickerte endgültig im Kalkuntergrund.

Ob Trockenheit oder doch andere Faktoren die Maya vertrieben haben, wird die Forschung noch lange beschäftigen. In Zeiten von Überschwemmungen und Wirbelstürmen, die immer häufiger Europa heimsuchen, zeigt die Mayazivilisation auch, wie fragil unser Verhältnis zum Planeten Erde ist.

Estella Weiss-Krejci, Dozentin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Uni Wien, führt seit 1993 archäologische Forschungen in Zentralamerika durch. Ihre Forschungsprojekte wurden mehrmals vom FWF finanziert.

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