Transplantationsmedizin

Mehr Organspenden sind nötig

Dieter Hönig | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

In Österreich warten rund tausend Menschen auf ein Spenderorgan. Wir sprachen über das Thema mit dem Vorstand der Wiener Uniklinik für Chirurgie und Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie Ferdinand Mühlbacher.

Falter HEUREKA:

Gibt es zu wenige Organspender?

Ferdinand Mühlbacher:

Derzeit sind wir auf das Engagement einzelner Ärzte angewiesen. Mehr Systematik ließe sich erzielen, wenn wir uns an Spanien orientierten. Dort verfügt landesweit jedes größere Spital über einen Organspendebeauftragten. Er evaluiert geeignete Spender und kontaktiert im Anlassfall die entsprechenden Fachärzte. In Österreich gibt es elf solcher In-House-Koordinatoren. Was fehlt, ist eine flächendeckende Versorgung, sprich: eine Institutionalisierung dieser wichtigen Position.

Könnten ethische Bedenken zur Verunsicherung bei Ärzten führen?

Mühlbacher: Zweifellos kann dies zur Verunsicherung bei Ärzten führen und letztlich das Engagement fürs Organspendekonzept behindern. Es wäre auch denkbar, dass mangels Beschäftigung mit dem Hirntodkonzept Zweifel über den tatsächlichen Todeseintritt nach der Hirntoddiagnostik bestehen. Dass Vergangenheitsbewältigung mit eine Rolle spielt, kann man nicht ausschließen.

Sinkt mit der Zahl der Verkehrstoten die der Organspender?

Mühlbacher: Das Spenderprofil hat sich geändert. Vor 20 Jahren waren 60 Prozent der Organspender Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma, die Hälfte davon nach Verkehrsunfällen. Heute sind es 30 bzw. rund 15 Prozent. Der Tod durch Schädel-Hirn-Trauma ist deutlich zurückgegangen, ein Fortschritt der Unfallverhütung und in der Behandlung von Unfällen. Heute sind etwa 60 Prozent der Organspender Patienten nach einer spontanen Gehirnblutung, die eher in der zweiten Lebenshälfte auftritt. Der Rückgang der Verkehrsunfälle dürfte auf die Organspendefrequenz nur geringe Auswirkung haben. Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheit müsste zusätzliche, koordinierende Organspendebeauftragte bestellen – im Konsens mit dem ärztlichen Direktor einer Klinik. Ein Beispiel: Die Kosten für einen schwer Nierenkranken, der auf die dreimal wöchentliche Dialyse angewiesen ist, belaufen sich auf rund 70.000 Euro pro Jahr. Eine Nierentransplantation kostet rund 45.000 Euro plus jährlich bis zu 10.000 Euro für Medikamente und die Nachbehandlung – ist also deutlich billiger. Davon abgesehen erhöht es bei gesteigerter Lebensqualität auch die Lebenserwartung eines dreißigjährigen Nierenkranken im Schnitt von zusätzlichen 24 auf 38 Jahre. Zum Vergleich: Ein gesunder Dreißigjähriger hat weitere 47 Jahre vor sich. Allein diese Werte sollten uns zu denken geben. Ein gespendetes Organ ist wohl der größte Dienst, den der Mensch seinem Mitmenschen erweisen kann.

Ferdinand Mühlbacher, Präsident der Österr. Gesellschaft für Chirurgie

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