Gendermedizin

Medizin für Frau und Mann

Margret Mendez | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Frauen sterben am häufigsten an Brust- oder Gebärmutterhalskrebs. Für Männer sind HerzKreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins. Diese lange als Tatsache geltende Annahme ist aber grundlegend falsch. Das belegen aktuelle Studien aus Europa und den USA, die sich mit Gendermedizin auseinandersetzen.

Tatsächlich erliegen allein in Österreich jährlich etwa 19.000 Frauen einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems. Wohingegen Männer einen leichten Vorsprung bei Tod durch Krebs aufweisen und ihre Sterberate durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit rund 13.000 Toten etwas geringer ausfällt.

„Gerade bei jüngeren Frauen ist die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt größer als bei Männern, weil die Symptome bei Patientinnen oft nicht richtig zugeordnet werden“, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Österreichs erste Professorin für Gendermedizin an der Medizin-Uni Wien.

Fehldiagnosen bei Frauen

Dank gendermedizinischer Forschungen und Publikationen wissen viele Ärzte, dass beim Mann typischerweise Beschwerden hinter dem Brustbein bzw. in der linkenSchulter-Arm-Hand-Region auftreten.

Bei Frauen hingegen können oftmals Schmerzen in der Hals-Unterkiefer-, Oberbauch- und Schulter-Region, verbunden mit Übelkeit und Erbrechen, Vorboten eines bevorstehenden Herzinfarktes sein.

Dennoch beweisen aktuelle Daten, dass bei Patientinnen zwischen dem erstem Auftreten von Beschwerden und der richtigen Diagnose sowie Behandlung deutlich mehr kostbare Zeit verstreicht als bei Männern.

„Frauen müssen couragiert genug sein, sich nicht gleich mit einer Diagnose zufriedenzustellen, wenn es weh tut“, rät Jeanette Strametz-Juranek, Fachärztin, Professorin für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Wien und Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Gendermedizin.

„Wenn Frauen müde sind, wenn sie eine Abnahme der Leistungsfähigkeit feststellen oder einfach untypische Beschwerden beobachten, dann müssen das nicht immer postmenopausale Beschwerden oder eine Depression sein, sondern es kann auch eine koronare Herzkrankheit vorliegen. Ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig, Patientinnen und Ärzte hier weiter aufzuklären. Denn immer noch werden Frauen bei unklarer Diagnose deutlich schneller Antidepressiva verschrieben als Männern“, bekräftigt Strametz-Juranek.

Dank ihres Östrogen-bedingten Gefäßschutzes geht das Risiko für Frauen erst nach der Menopause deutlich nach oben. Dann ist es allerdings gleich hoch wie bei Männern. Allerdings haben Frauen ein um 6- bis 8-fach höheres Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder eines Schlaganfalles, unabhängig vom Alter. Bei Männern mit Diabetes ist das Risiko um das Zweifache erhöht, erklärt Kautzky-Willer.

Neue Norm für Medikamente

Viel Aufklärungsarbeit bedarf es auch noch für die zweite Säule des Medizinsystems, die Pharmaindustrie. Bei der Entwicklung von Medikamenten galten junge männliche Körper als Norm, an dessen Modell sich die medizinische Forschung und Praxis orientierten, weil sich ihr stabiler Hormonspiegel einfacher und kosteneffektiver in Studien anwenden lässt. Längst ist bewiesen, dass manche Medikamente bei Frauen anders wirken und in extremen Fällen zu schweren Nebenwirkungen führen können, die bei Männern nicht auftreten.

„Man weiß inzwischen, dass manche Betablocker bei Frauen niedriger dosiert werden müssen und die Dosis langsam gesteigert werden muss. Bei postmenopausalen Frauen kann etwa das Typ-2-Diabetes-Medikament Glitazon ab dem zweiten Jahr der Therapie zu einem deutlich höheren Risiko für Knochenbrüche führen, was bei Männern nicht vorkommt“, sagt Alexandra Kautzky-Willer.

Aufgabe für Pharmaerzeuger

Diese Erkenntnisse sollten bei der Entwicklung neuer Präparate umgesetzt werden, so die gesetzlichen Vorgaben. „Die regulatorischen Leitlinien sehen vor, dass Zulassungsstudien von Medikamenten in Populationen durchgeführt werden, die im Wesentlichen der Zielpopulation entsprechen“, sagt Marcus Müllner, Chef von AGES PharmMed, der nationalen Zulassungsstelle für Arzneimittel.

Was bedeutet, dass rund 50 Prozent der Probanden Frauen sein sollten. Ob die gesetzlich verankerte 40-Prozent-Vorgabe von der Pharmaindustrie tatsächlich immer umgesetzt wird, ist aber schwer nachprüfbar. Interessant ist, dass nur einer von drei Medikamentenerzeugern imstande ist, diesbezügliche Anfragen zu beantworten.

Bei GlaxoSmithKline bemühte sich eine hilfsbereite Dame eine Woche darum, den durchschnittlichen Anteil an weiblichen Probanden zu eruieren. Ohne Erfolg. Niemand im gesamten Unternehmen konnte die Antwort ausfindig machen. Aussagekräftiges Schweigen kam von Genericon Pharma.

Nur Novartis Austria war ohne Zögern bereit, Auskunft zu ihren Forschungen zu geben. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass Frauen und Männer für gewöhnlich gleichmäßig in Studien vorhanden sind. Einzige Ausnahme stellen Erkrankungen dar, die von sich aus bevorzugt bei Frauen oder Männern auftreten“, sagt Wolfgang Bonitz, Medizinischer Direktor bei Novartis Pharma Österreich.

Grundsätzlich würden, sobald klinische Daten vorhanden sind, geschlechterspezifische Sub-Gruppen analysiert, um festzustellen, ob Frauen anders auf ein Präparat reagieren als Männer. In den weiteren Stufen der Entwicklung, wie der Phase II und Phase III, in denen die Dosierung, Sicherheit und Wirksamkeit eines Medikaments überprüft und bestätigt werden, achte Novartis stets darauf, dass Frauen richtig repräsentiert sind – so wie die Gesundheitsbehörden das auch vorschrieben, erklärt Bonitz.

Gendermedizin im Studium

Seit 1996 befasst sich die WHO mit der Gender-Thematik und hat die „Gender Working Group“ gegründet. Dort sollen Strategien zur Integration von Gender-Fragen in WHO-Programmen entwickelt werden. Auch in Österreich kommt dieser Forschungszweig langsam in Schwung.

„Der Gendermedizin soll im Ärztestudium künftig ein größerer Stellenwert beigemessen werden“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Ab dem Wintersemester 2010 bietet die Medizinische Universität Wien als erste österreichische Universität einen postgradualen Lehrgang zu „Gender Medicine“ an. Dieser Lehrgang startet ab 3. September und kann berufsbegleitend innerhalb von vier Semestern absolviert werden (www.meduniwien.ac.at/orgs/index.php?id=64).

Am Berliner Institut für Geschlechterforschung in der Medizin wird am Aufbau einer öffentlich zugänglichen internationalen Datenbank für Fachliteratur zu Gendermedizin gearbeitet. „Wir hoffen, dass dieses Grundarchiv mit Anfang 2011 zur Verfügung steht und Forscher dann ihre Publikationen auch schon direkt eingeben können“, erklärt Sabine Oertelt-Prigone von der Charité Universitätsmedizin Berlin.

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