Gärten, Katastrophen

Erich Klein | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Kulturwissenschaften Der Romanist Robert Harrison und der Dichter Michael Hamburger widmen sich dem Garten

Wenn zu Beginn des 20 Jahrhunderts bei Anton Tschechow oder Robert Musil von Gärten die Rede ist, sind bloße Exile der Heiterkeit längst verwehrt. Musil, der Autor des Möglichkeitssinnes, entlässt die Protagonisten seiner ekstatischen Atemzüge eines Sommertages in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges; hinter Doktor Tschechows Fin-de-siècle-Slogan „Ganz Russland ist unser Garten“ warten die Verwüstungen durch Fünfjahrespläne und Terror im Namen von Industrialisierung. Hitlers Ankündigung, die Ukraine in einen „blühenden Obstgarten“ zu verwandeln, hieß Massenmord.

Der in Stanford lehrende Romanist Robert Harrison holt in seiner kulturwissenschaftlichen Studie „Gärten“ mit dem Untertitel „Ein Versuch über das Wesen der Menschen“ weit aus. Kein modischer Gartenfimmel mit gelehrtem Dekor, kein künstlerischer Schnickschnack à la „guerilla gardening“, auch wenn es um Ghettogärten New Yorker Obdachloser geht. In gut amerikanischer Tradition ist der Rückzug für Harrison Politik: Garten bedeutet nicht paradiesischen Müßiggang, vielmehr ist er Gegenstand der Sorge, in der sich die vita activa (Hannah Arendt) des Menschen entfaltet.

Im Gilgamesch-Epos, bei Homer und in der Bibel, in den Akademien Platons und Epikurs über den mittelalterlichen Klostergarten, bei Dante und dem Versailles von Ludwig XIV. wird ein Grundmuster erkennbar: Die Vertreibung aus dem Paradies bedeutet Gewinn an Wirklichkeit. Und: Pflege wie Verwüstung haben denselben Ursprung – es geht nicht nur darum, die Welt zu verschonen, es geht um keine bloße Sollensethik. Was wäre Nachhaltigkeit?

Der Lyriker und Essayist Michael Hamburger (1924–2007), der 1933 vor den Nazis nach England floh und dort Übersetzer von Hölderlin und Paul Celan wurde, liefert das konkrete Beispiel. Vor Jahrzehnten schon legte Hamburger neben seinem Haus in Suffolk einen Garten an, dessen Apfelbäume – wider alle Regeln der Kunst – nie veredelt wurden. Äpfel wurden gar aus Kernen gezogen, Wildpflanzen blieben verschont.

Der Garten war für den Lyriker „Arbeitsstätte nach dem Sündenfall“, an der er seine „Pflicht getan und die Natur genutzt“ hat. Dass die Gartenwirtschaft „einen Wunsch nach dem Paradies“ darstellte, war ihm klar – die daraus resultierende (unerfüllbare) Spannung ließ ihn umfangreiche Zyklen an Natur- und Baumgedichten schreiben.

In einem Fall, so Hamburger, wäre er dennoch der Versuchung erlegen: „Wenn ich aber jene Frucht, die Eva dem Adam reichte, in meinem Garten anpflanzen könnte, wäre sie das Kernstück meiner Sammlung.“ Ob dann noch Gedichte entstanden wären?

Robert Harrison

Gärten

Ein Versuch über das Wesen der Menschen

Carl Hanser Verlag

München 2010

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