Kommentar

Lottospiele

Dichter, Denker, Spieler

Erich Klein | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Lotterie ist die radikalste Form des Spieles. Gott ließ das Land Israel unter dessen Söhnen per Los aufteilen, das Verfahren wandten auch römische Soldaten an, um zu entscheiden, wer Jesu Mantel, den sie nicht zerschneiden wollten, bekommen sollte. Um zu verhindern, dass die Besatzung seines Schiffes ihre Beute sofort verspielte, ließ Alonso de Contreras (1582–1641), spanischer Abenteurer der frühen Neuzeit, Karten und Würfel über Bord werfen; sogleich erfanden die Matrosen ein neues Spiel: Gewonnen hatte, wessen Laus als erste aus dem auf einen Tisch gezeichneten Kreis kroch.

Im 17. Jahrhundert verbreiten die Soldaten des Dreißigjährigen Krieges das Glücksspiel über ganz Europa – das theoretische Problem, Gewinne richtig zu verteilen, führte zur Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Blaise Pascal formulierte seine berühmte Wette zum Gottesbeweis um: Wer glaubt, er habe „unendlich viele, unendlich glückliche Leben zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit des Gewinns steht einer endlichen Zahl der Wahrscheinlichkeit des Verlustes gegenüber.“

Leibniz‘ Idee, für den Zufall ein Formelwerk zu finden, beruhte auf der Vorstellung, dass ein wohlwollender Gott mit der Schöpfung nicht „sein Spiel treibt“.

Der erfolgreiche Versuch, den Zufall aus der Sphäre des Okkulten in den Bereich wissenschaftlichen Verstehens zu überführen, setzte im 18. Jahrhundert eine bis heute wirksame Dialektik der Aufklärung in Gang. Um den Normierungen des Alltages zu entfliehen, steht im Zentrum aller romantischen Kultur das Spiel mit der Unberechenbarkeit.

Deren existenzialistische Variante beschrieb Fjodor M. Dostojewskij (1821–1881), dessen Biographie allein Anlass genug zur Radikalität war. Als achtundzwanzigjähriger Revolutionär zum Tode verurteilt, im Angesicht des Erschießungskommandos begnadigt und verbannt, besuchte der russische Autor mehrfach die Zentren des europäischen Glücksspieles.

An seinen Sohn schrieb er im August 1863 aus Wiesbaden: „Sowie ich gestern Abend zum grünen Tisch trat und anfing, Geldhaufen an mich zu raffen … war meine Liebe auf den zweiten Platz zurückgetreten. Könnte es denn sein, dass ich ein Spieler bin?“

Auch wenn Dostojewskij gegen notorischen Geldmangel anspielte – niemand brachte wie sein Roman „Der Spieler“ Dynamik und Rausch des Vorganges auf den Punkt:„Mit Schrecken erkannte und fühlte ich für einen Moment, was es für mich bedeutete, wenn ich jetzt verlor! Mit diesem Einsatz stand mein ganzes Leben auf dem Spiel!“ Die Botschaft, dass nur gewinnt, wer verliert, war außer Kraft gesetzt.

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