Akademischer Nachwuchs

Jungwissenschaftler — ab nach Amerika!

Stefanie Platzgummer | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Zwischen befristeten Forschungsprojekten und schlecht bezahlten Lehraufträgen: die prekäre Situation von Jungwissenschaftlern in Österreich. Oder warum sich der akademische Nachwuchs auf nach Amerika machen sollte.

„Du kannst dir keine Zukunft aufbauen, weil du nicht weißt, wie es weitergehen wird“, sagt Birgit Feierl. Im Juni läuft ihre Zeit als Österreich-Lektorin am Germanistik Institut der tschechischen Palacký-Universität in Olmütz ab. Was danach kommt, weiß die 34-jährige Dr. phil. noch nicht so genau. „Zuerst lege ich einmal eine Babypause ein.“

Wissenschaft ohne Perspektive

2000 schließt Feierl ihr Studium der Germanistik und Theologie an der Universität Wien ab. Sie tritt eine Stelle im Laboratorium des Austrian Academy Corpus (AAC) an der Akademie der Wissenschaften an.

Hier werden texttechnologische Projekte konzipiert und getestet. Da der Aufwand für die Umsetzung enorm ist, bleiben die meisten Projekte im Planungsstadium. Im AAC Lab leitet Feierl ein Forschungsprojekt, das die Digitalisierung der 1954 eingestellten Halbmonatszeitschrift „Der Brenner“ zum Ziel hat. Vollzeit und mit einem befristeten Arbeitsvertrag in der Tasche. „Obwohl ich in dieser Zeit auch meine Dissertation schreiben sollte, bin ich nicht dazu gekommen. Das Projekt hat einfach zu viel Zeit in Anspruch genommen“, erinnert sie sich. Als auch nach der vierten Verlängerung ihres befristeten Arbeitsvertrags keine Fixanstellung in Aussicht ist, beschließt Feierl einen anderen Weg einzuschlagen: „Ich war ziemlich gefrustet, habe die Akademie der Wissenschaften nach sechs Jahren verlassen und wurde arbeitslos.“

Nach acht Monaten, in denen sie hauptsächlich an ihrer Dissertation arbeitet, zieht die Vorarlbergerin wieder bei ihren Eltern ein. Sie absolviert ihr Unterrichtspraktikum an einem Gymnasium in Bregenz. 2006 bewirbt sie sich beim Lektoratsprogramm der Österreich-Kooperation als Österreich-Lektorin und zieht nach Olmütz. Ihre Dissertation schließt sie 2009 ab. Mit Auszeichnung.

Nach insgesamt zehn Jahren in der Wissenschaft steht Birgit Feierl heute wieder ganz am Anfang. „Meine Arbeit im Ausland wird in Österreich seitens des AMS finanziell nicht anerkannt. Ich weiß noch nicht mal, ob ich Anspruch auf Karenz- bzw. Wochengeld habe“, sagt sie.

Feierls wissenschaftliche Karriere wird nach der Veröffentlichung ihrer Dissertation im Jahr 2011 wohl zu Ende sein. „Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich bin schwanger geworden und habe zu lange im Ausland gearbeitet.“ Perspektiven für eine Zukunft im wissenschaftlichen Bereich sieht sie keine. „Ich könnte mich habilitieren. Aber wozu? Es gibt so viele arbeitslose Habilitierte. Ohne Aussicht auf eine fixe Stelle macht das keinen Sinn.“

Claus Tieber sieht das ähnlich. „Jemand, der sich heute habilitiert, findet in den nächsten 20 Jahren in Österreich kaum einen Job“, sagt der Präsident der IG Elf, der Interessengemeinschaft für externe Lektoren und freie Wissenschaftler in Österreich. „Ein Großteil der Professuren, gerade an der Uni Wien, wurde in den letzten Jahren neu besetzt.“ Da Professuren unbefristet vergeben würden, werden in den nächsten Jahren kaum Plätze frei.

Arme Lektoren ohne Aussicht

Im Wintersemester 2009 waren an den österreichischen Universitäten insgesamt rund 35.000 wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter beschäftigt. Rund 14.600 von ihnen zählten zum Stammpersonal. Darunter 2055 von insgesamt 2203 Professoren. Von den insgesamt rund 32.900 Mitarbeitern, die in die Kategorie „AssistentInnen und sonstiges wissenschaftliches und künstlerisches Personal“ fallen, waren hingegen nur rund 12.500 permanent angestellt. Also weniger als die Hälfte. Die universitäre Forschung und Lehre werden in Österreich hauptsächlich von Mitarbeitern in ungesicherten Arbeitsverhältnissen getragen.

Zu ihnen gehört auch der Philosoph, Politik- und Medienwissenschaftler Claus Tieber. Er arbeitet trotz Habilitation seit fast zehn Jahren als freier Lektor an der Universität Wien. Wie seine Kolleginnen und Kollegen muss auch der 44-Jährige jedes Semester auf die Verlängerung seines Lehrauftrages hoffen.

„Man kann nicht einmal ein zweisemestriges Lehrsemester planen“, beschreibt er die Konsequenzen dieser prekären Arbeitssituation. „Außerdem kann man von einem Lehrauftrag nur schwer leben.“ Externe Lektoren würden im Monat nicht mehr als 300 bis 1300 Euro verdienen – je nachdem, wie viele Stunden ihr Lehrauftrag umfasst. „Tausende Leute sehen keine Perspektive mehr. Vor allem im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften leben viele trotz hoher Bildungsabschlüsse von mehreren Kleinstjobs. Es dauert nicht mehr lange, dann zahlt sich ein Studium nicht mehr aus.“

Wenig Geld für die Forschung

Neben seiner Lehrtätigkeit ist Tieber als Projektleiter an der Universität Salzburg tätig. Sein drittes Forschungsprojekt über die Stummfilmmusik in Wien ist auf drei Jahre befristet. Finanziert wird es vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung FWF, der zentralen Einrichtung für die Förderung der Grundlagenforschung in Österreich.

Im Jahresbericht 2009 sieht der FWF vor allem in der Finanzierung der österreichischen Grundlagenforschung Nachholbedarf: „Mit 0,4 Prozent Anteil der Ausgaben für Grundlagenforschung am BIP liegt Österreich weit hinter den, Innovation Leaders‘ und unter dem Durchschnitt von EU und OECD“, heißt es dort.

In Österreich findet die Grundlagenforschung hauptsächlich im universitären Bereich statt. Da die österreichischen Unis im internationalen Vergleich immer noch sehr schlecht finanziert sind, sind sie in einem hohen Maß von „Drittmitteln“ abhängig. Das sind jene Gelder, die der FWF und andere Förderungseinrichtungen in Forschungsprojekte der unterschiedlichen Universitäten investieren. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Mitarbeiter an heimischen Unis wird über Drittmittel bezahlt.

Lässt sich die prekäre Situation österreichischer Jungwissenschaftler also durch eine Erhöhung der Finanzmittel für die Grundlagenforschung verbessern? „Natürlich geht es letztlich ums Geld. Worum denn sonst?“, meint Claus Tieber.

Mehr Geld für die Grundlagenforschung allein würde das Problem aber nicht lösen. Es brauche ein Konzept, um das bestehende System zu reformieren. Zusätzliche unbefristete Stellen sind eine Möglichkeit. „Die unbefristeten Laufbahnstellen müssten endlich eingerichtet werden und das in möglichst großer Zahl“, sagt er.

Karriere mit Ablaufdatum

Förderungsprojekte seien zwar eine große Chance, im universitären Alltag würden junge Wissenschaftler bei der Umsetzung von Forschungsprojekten aber entweder in den Schatten bereits renommierter Professoren gedrängt oder sie hätten wenig Anbindung an die jeweiligen Institute, sagt Tieber.

„Während meiner Zeit an der Akademie der Wissenschaften war ich hauptsächlich mit Zuarbeiten beschäftigt“, erklärt auch Birgit Feierl. „Am Anfang ist das natürlich eine Ehre, man lernt auch sehr viel. Man weiß aber nie, ob es weitergehen wird.“

Die Mitarbeit an wissenschaftlichen Projekten bietet jungen Wissenschaftlern also auch keine ausreichenden Perspektiven. Läuft ein befristetes Projekt nach einigen Jahren ab, stehen die Akademiker wieder am Anfang. Zwar gibt es die Möglichkeit, in einem zweiten und dritten Projekt unterzukommen. Eine wirkliche Karriere können sich Jungwissenschaftler damit aber nicht aufbauen.

Der Weg ins Ausland

Zwischen schlecht bezahlten Lehraufträgen und befristeten Forschungsprojekten sehen Österreichs Wissenschaftler oft keine andere Möglichkeit, als sich im Ausland nach besseren Karrierechancen umzusehen. Auch Claus Tieber wird nach dem Ende seines Forschungsprojekts an der Uni Salzburg ins Ausland gehen, um dort eine Professur anzutreten. „Wer Wissenschaftler werden will, muss wissen, dass er dafür auch ins Ausland gehen muss“, sagt er.

Nun ist die Mobilität hochqualifizierter Arbeitskräfte gerade im wissenschaftlichen Bereich nicht unbedingt ein Nachteil. Im Gegenteil: Eine hohe Mobilität führt zu einem hohen Wissenstransfer, was die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes erhöht. Das gilt freilich nur, wenn Wissenschaftler nach einigen Jahren im Ausland wieder zurückkehren oder qualifizierte Kräfte aus dem Ausland an ihre Stelle treten. Ob sich dieser „Brain Drain“ die Waage hält, liegt nicht zuletzt an den Karrierechancen, die ein Land zu bieten hat.

Amerikanische Karrieren

„Wenn junge Wissenschaftler von Österreich weggehen möchten, sollen sie gehen. Wir müssen aber schauen, dass wir Leute aus dem Ausland in gleichem Maß anziehen können“, sagt Peter Zoller. Der renommierte theoretische Physiker war selbst lange Zeit an verschiedenen Unis im Ausland tätig. Unter anderem als Visiting Fellow und Professor der Physik an der University of Colorado at Boulder.

Seit 1991 ist Zoller Professor an der Uni Innsbruck. „Das amerikanische System bietet jungen Leuten viel mehr Möglichkeiten“, sagt er. Das liege vor allem an der offenen, leistungsorientierten Struktur und einer großen Dynamik innerhalb des Systems. An amerikanischen Unis werden offene Professorenstellen, die in Permanenz münden können, grundsätzlich ausgeschrieben. Den Zuschlag bekommen die Besten. Die ausgeschriebenen Stellen sind meist „Tenure Track Assistant Professor“-Stellen, das heißt für junge Wissenschaftler. So erhalten auch sie die Möglichkeit, eine eigene Gruppe zu leiten und damit eigene Forschungsprojekte umzusetzen, um damit eine eigenständige wissenschaftliche Karriere zu starten.

„Im Grunde können sie machen, was sie wollen. Allerdings sind sie auch für die Finanzierung der Projekte über Drittmittel verantwortlich“, sagt Zoller. „Beim Tenure-Track-Assistant-Professor folgt nach etwa fünf Jahren eine beinharte Evaluierung, die die Entscheidung mit beinhaltet, ob die Stelle mit einem Aufstieg zum Associate Professor dauerhaft wird. Dabei wird die wissenschaftliche und die Lehrleistung beurteilt. Als Maßstab nimmt man die gleichaltrigen Kollegen an anderen Unis.“

Dieses Prinzip des Wettbewerbs gilt auch für die älteren Professoren. Wenn er in der aktiven Forschung zurückfällt, also keine Projekte mehr einwirbt und damit auch keine Doktoranden mehr bezahlen kann, wird dies meist durch Mehreinsatz in der Lehre oder Administration kompensiert. Das empfinden auch die jungen Forscher als sehr positiv, da sie dadurch von der Lehre etwa in Form großer Vorlesungen für die Eingangssemester freigespielt werden. Die Rolle der Professoren definiert sich also dynamisch über Leistung in Forschung und Lehre.

Österreich fördert Mittelmaß

In Österreich sei es hingegen so, dass ein guter Teil der Professorenstellen durch „Ernennung“ und nicht im Rahmen einer Ausschreibung besetzt wird. „Dass darunter auch gute Leute sind, steht außer Zweifel. Aber solche Ernennungen sind meist auf bestimmte Altersgruppen zugeschnitten. Junge Leute, die eventuell besser sind, kommen oft gar nicht zum Zug“, sagt Peter Zoller.

Letztlich sei das österreichische System auf selbstgefällige Mittelmäßigkeit hin optimiert. Exzellenz würde als gern gesehene Ausnahme toleriert. „Gerade für die besten jungen Wissenschaftler wird mit einem solchen System der Weg nach oben verstopft“, sagt er.

Die Lösung für dieses Problem sieht Zoller in der Abschaffung des sogenannten Mittelbaus. Die vorhandenen Mittelbaustellen sollten als Tenure-Track-Assistant-Professuren in einem kompetitiven System ausgeschrieben werden. Damit würde sich die Zahl der Professorenstellen, um die sich junge Leute bewerben können, drastisch erhöhen. „Junge Leute wollen Chancen, wo sie sich beweisen können, keine Billig-Karriere als ernannter Professor light.“ Zurzeit sei ein solches System im Hinblick auf die momentan agierenden Personengruppen jedoch vermutlich nicht durchsetzbar.

Auf in Richtung Amerika!

Um im internationalen Spitzenfeld mitmischen zu können, müssen sich Österreichs Unis öffnen und mehr Dynamik innerhalb des Systems schaffen. So hätten auch junge Wissenschaftler größere Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere. Will Österreich verhindern, dass seine aufstrebenden Jungwissenschaftler nach Amerika auswandern, müssen sich die Universitäten bewegen. Und wohin? Genau: Richtung Amerika.

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