Kommentar

Brief aus Brüssel

Christian Bretter | aus HEUREKA 3/10 vom 09.06.2010

Heute morgen, als ich mit der Metro von Schuman, dem unrepräsentativen Platz im Herzen der EU-Verwaltung, nach St. Catherine in das Café Modèle fuhr, um diesen Brief zu schreiben, saß neben mir eine junge Frau und las die „Odyssee“ von Homer – im Original. Das Buch wird beinahe 2800 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch gelesen – morgens am Weg zur Arbeit in der Metro.

Der Plan war, mit der Idee des Künstlers Franz West über Skulptur eine Metapher für eine Vision der EU zu basteln. Da kam mir aber die „Odyssee“-Leserin dazwischen.

Der Erfolg des Künstlers West begründet sich auf einem simplen Prinzip. Er macht Skulpturen, die man angreifen darf, kann und soll. Man wird in den heiligen Sarkophagen unserer Kultur, in unseren Museen, aufgefordert, mit den als „Passstücke“ bezeichneten Skulpturen zu spielen. So schafft es West, die Unnahbarkeit des für die Ewigkeit aufbewahrten Artefaktes zu brechen. Das Werk bleibt lebendig, bleibt beim Menschen.

Offenbar hat auch die „Odyssee“ von Homer noch immer etwas Lebendiges und bietet nach wie vor die Möglichkeit, sich im Werk zu spiegeln, und genug Raum, um seine eigenen Gedanken darzustellen.

Die Werke von Homer und West ergeben nun eine schöne Metapher für eine Vision der Europäischen Union: Es muss etwas zum Angreifen sein, etwas, was beim Menschen ist, und es muss so viel Raum bieten, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte darin basteln kann.

Leider beschäftigen sich Regierungspolitiker vor allem mit Themen wie Kopftücher oder Zigaretten. Allein daraus entsteht kein Interesse an einer gemeinsamen Vision von Europa – höchstens ein Klima, in dem rechte Stänkerer und ihre pubertäre Lust, dagegen zu sein, gedeihen können.

Wenn wir hier das alte Europa sind, dann hat unser junges Gegenüber mit dem aktuellen Präsidenten wieder einmal bewiesen, dass die Fähigkeit zur Größe nicht in der Gegenwart liegt, sondern in der Möglichkeit der Zukunft. Yes we can.

Also lasst uns unsere musealen Sarkophage, gefüllt mit der vielfältigen Geschichte Europas, in einen aktuellen Lebensraum mit dem Motto „Hands on!“ umwandeln. Und dabei wollen wir auch den Gründungsgedanken nicht vergessen: Krieg zwischen den europäischen Staaten undenkbar zu machen.

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