Anti-Nobelpreis 2010

Fellatio bei Flughunden

Carolin Giermindl | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Auch jenseits der österreichischen Grenze rennt in Wissenschaftskreisen der Schmäh. Jahr für Jahr, seit 1991, versammeln sich im Sanders Theater der Universität Harvard 1166 Festgäste, um in einer großen Gala die skurrilsten, kuriosesten, schrillsten Forschungsergebnisse aus aller Welt zu bejubeln.

Bei dieser Oscar-ähnlichen Zeremonie werden die jährlichen Anti-Nobelpreise, die "Ig-Nobelpreise", verliehen. "Ig" steht für "ignorable" und meint: "schmachvoll, schändlich, unnütz". Nur Mark "Herr der Maden" Benecke, deutscher Kriminalbiologe und Mitglied der Jury des Anti-Nobelpreises behauptet, Ig stehe für Ignatz Nobel, einen Neffen von Alfred Nobel. Der habe herausgefunden, dass im Wasserglas niemals zwei Sprudelwasserblasen denselben Weg nehmen. Ein Meilenstein, gewissermaßen, wissenschaftlich betrachtet.

Die gefeierten Gewinner der diesjährigen Ig-Nobelpreise stehen Ignatz Nobel in nichts nach. Sieger im Fachbereich Medizin 2010: die Niederländer Simon Rietveld und Ilja van Beest.

Sie entdeckten, dass eine Achterbahnfahrt Asthmabeschwerden lindern kann. Während der psychische Stress eines solchen Spektakels manche Menschen mit Atemnot ringen lässt, wirke sich die emotionale Belastung auf Asthmatiker positiv aus.

Der Preis für die schrägste Arbeit im Bereich Physik ging heuer an drei Wissenschaftlerinnen der Universität Otago in Neuseeland: Das Trio arbeitete verbissen an einer Feldstudie, mithilfe derer sich exakt belegen lässt, dass Menschen auf vereisten Gehsteigen wesentlich seltener ausrutschen, wenn sie Socken tragen - nicht in, sondern über den Schuhen.

Besondere Aufmerksamkeit zog der Ig-Nobelpreis für Biologie auf sich: Einem Forscherteam aus China und dem Briten Gareth Jones gelang es, mittels Video zu dokumentieren, das Fruchtfledermäuse Oralverkehr praktizieren. Erst vor einem Jahr wurde bekannt, dass Kurznasenflughunde der Art Cynopterus sphinx Fellatio ausüben. Offensichtlich, um ihre Fortpflanzungschancen zu verbessern, so die Wissenschaftler damals. Ganz ähnliche Motive sollen auch dem Sexualverhalten der Fruchtfledermaus zugrunde liegen.

Den Ig-Friedensnobelpreis erhielten Richard Stephens, John Atkins und Andrew Kingston von der Keele-University in Großbritannien. Sie konnten erstmals wissenschaftlich nachweisen, das heftiges Fluchen schmerzlindernd sein kann. Ferngesteuerte Helikopter, die den Rotz von Walen einsammeln (Preis für Ingenieurwesen), Schleimpilze, mithilfe derer sich optimale Routen für Eisenbahnschienen finden lassen (Preis für Transportplanung), der Beweis, dass Öl sich doch mit Wasser mischt (Preis für Chemie) und eine Studie, die zeigt, wie sich Mikroben in den Bärten von Wissenschaftlern halten (Preis für Gesundheit) erschienen der Jury heuer herausragend schmachvoll und damit preiswürdig. Der Russisch-Niederländer Andre Geim wurde 2000 für seinen "schwebenden Frosch" (er schuf einen Elektromagneten, mit dem er kleine Tiere schweben ließ) mit dem Ig-Nobelpreis geehrt. Heuer erhielt er den Nobelpreis für Physik.

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