Astronomie

Warum so wenig Sternlein stehn

Bettina Benedikt | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Immer wenn sich eine Nacht voller Sternschnuppen ankündigt, ist die Vorfreude groß. Und genauso groß ist die Enttäuschung, wenn wieder einmal keine Sternschnuppen zu sehen waren. Das liegt aber nicht am Auge des Betrachters, sondern an der zunehmenden Lichtverschmutzung. Künstliche Lichtquellen wie Autoscheinwerfer, Straßenlaternen, Leuchtreklame, angestrahlte Gebäude etc. streuen Licht in die Atmosphäre.

Der Lichtsmog über uns

Das Wort "Lichtverschmutzung" bedeutet nicht, dass das Licht selbst verschmutzt ist, sondern dass vom Menschen eingesetzte Lichtquellen die natürliche Dunkelheit "verunreinigen". So hat sich der Begriff "Lichtsmog" etabliert.

Vom Lichtsmog betroffen ist jeder von uns. Denn künstliches Licht beeinträchtigt nicht nur die Sicht von Romantikern und Astronomen auf den Sternenhimmel, es kann unseren Schlaf stören und damit Beschwerden und Krankheiten verursachen.

"Beschwerden wie Schlafstörungen können beim Menschen bis dato nur vermutet werden", erklärt Thomas Posch vom Institut für Astronomie der Uni Wien. "Bei Tieren hingegen gibt es bereits objektive Daten. In einem Versuch wurden schlafende Ratten mit künstlichem Licht bestrahlt. Die Folgen waren Gewichtszunahme und ein gestörtes Hormonsystem. Die Bestrahlung mit Licht hat sich bei den Ratten als krebsfördernd herausgestellt, weil das krebshemmende Ruhehormon Melatonin nicht ausreichend produziert wurde."

Tödliches Licht - helle Not

Auch beim Menschen gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die Hormone verrückt spielen, wenn man im Schlaf künstlichem Licht ausgesetzt ist. Der Mensch ist von Natur aus tagaktiv und kann nicht einfach die Nacht zum Tag machen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Nachtarbeit als potenziell krebserregend eingestuft.

Für viele Lebewesen ist der Kontakt mit künstlichem Licht sofort tödlich. Insekten und Vögel orientieren sich nachts an Himmelskörpern, jede andere Lichtquelle stört sie beim Navigieren. "Insekten werden von einer Straßenlaterne mitunter so stark geblendet, dass sie völlig orientierungslos nur noch um diese Lichtquelle schwirren", sagt die Biologin Maria Siegl. "Das geht bis zum Erschöpfungstod - oder sie verbrennen. Auch Vögel können geblendet werden und finden aus einem künstlichen Lichtkegel nicht mehr heraus. Oder sie begegnen dem Lichtsmog in Form einer beleuchteten Wohnsiedlung und haben dann keine Anhaltspunkte mehr, sodass sie ständig im Kreis fliegen. Am Tag sind sie dann zu schwach, um Nahrung zu suchen und verhungern."

Maria Siegl leitet seit fast zehn Jahren das Projekt "Die helle Not" zur Aufklärung über die Problematik der Lichtverschmutzung. Astronom Thomas Posch schätzt, dass es bei 50 Prozent der zuständigen Behörden in Österreich bereits ein Bewusstsein für Lichtsmog gibt. Gesetzliche Bestimmungen sind aber so bald nicht zu erwarten, denn Naturschutz ist Ländersache. Die EU-Normen zur Straßenbeleuchtung zum Beispiel sind sogar kontraproduktiv, denn es sind Mindestwerte vorgegeben, aber keine Höchstwerte. Sämtliche Maßnahmen setzen Länder und Gemeinden also auf Eigeninitiative. Wien hat einen "Masterplan Licht" ausgearbeitet, Graz hat das "Green Light Program" der EU konsequent umgesetzt.

Lichtlösungen

In Innsbruck wird gerade an einer Studie gearbeitet, die Lampentypen auf ihre Anlockwirkung prüft. Tirol wird 2011 einen Beleuchtungscheck in 20 Gemeinden durchführen. Das Ergebnis solcher Checks ist vielerorts absehbar. "Ein Drittel aller Anlagen ist veraltet", sagt Franz-Josef Müller, Vorsitzender der Lichttechnischen Gesellschaft LTG, einer Institution, in der auch große österreichische Unternehmen Mitglied sind. "Wir empfehlen diese nicht nachzurüsten, sondern gleich auf energieeffizientere Lösungen umzusteigen. Lichtverschmutzung wird bei der Außenbeleuchtung erst in etwa vier Jahren ein Thema sein, denn ab 2015 ist das häufig eingesetzte Quecksilberdampflicht verboten."

Lichtverschmutzung war auch kein Thema bei der Tagung "Licht 2010". Die Tagung der LTG fand Mitte Oktober in Wien statt. Am Programm standen Vorträge wie "Außenbeleuchtung" und "Licht und Gesundheit". Es war laut Müller nicht geplant, dabei den Aspekt Lichtsmog zu berücksichtigen. Im Arbeitskreis Außenbeleuchtung und in Schulungen von Lichttechnikern behandle die LTG das Thema Lichtverschmutzung aber sehr wohl, sagt Müller.

In der Bevölkerung weiß kaum jemand, wie viel unnötiges Licht jeder österreichische Haushalt Nacht für Nacht abstrahlt. Dabei könnte ein erheblicher Anteil der unnötigen Aufhellung schon dadurch vermieden werden, dass wir einfach die Jalousien herunterlassen. Die Belastung durch Lichtsmog könnte 2025 weltweit doppelt so stark sein wie heute.

Himmel als Weltkulturerbe

In diesem Sommer hat die Unesco entschieden, dass der Sternenhimmel als Weltkulturerbe geschützt werden kann. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Beschluss hat der Astronom Günther Wuchterl vom Verein Kuffner Sternwarte mit seiner Fallstudie "Alpen-Sternlicht" geleistet. "Österreich hat noch versteckte Plätze mit wunderbarem Himmel", meint Wuchterl. "Das zeigt diese Studie anhand der Beispiele Großmugl und Ostalpen. Der Himmel über Großmugl ist ein Lichtnaturwunder, das ein Fenster zur Milchstraße öffnet. Und in den Ostalpen ist über vielen Gipfeln noch die ganze Pracht des Firmaments zu sehen. Die Entscheidung der Unesco gibt Hoffnung, dass wir die Schönheit des Firmaments nicht verlieren."

Für die Erklärung zum Weltkulturerbe müssen Unesco-Kriterien beim Naturschutz und bei der Beleuchtung erfüllt werden. Wuchterl geht davon aus, dass die entsprechenden Regionen sorgsamer mit Licht umgehen werden und dadurch Energie sparen. In den Sternlichtgebieten wird dann der Sternenhimmel mit freiem Auge besser sichtbar sein und so Touristen anziehen. Womöglich verzichten diese Gebiete auch auf exzessive Weihnachtsbeleuchtung - das wäre ein weiterer Lichtblick.

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