Psychoanalyse

Kunst verzaubert die Couch

Laura Ari | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Stuzzicadenti wurde im Jahr 2000 gegründet. Sieben Personen arbeiten in der Forschungsgruppe des WWTF-Projekts. Das transdisziplinäre Team hat sich der Psychoanalyse verschrieben. Im Projekt geht es vor allem um Psychoanalyse in Hinblick auf Kunst und Gesellschaft.

Forscherinnen und Forscher aus Philosophie, Psychoanalyse, Medizin und Kunst arbeiten im Projekt "Übertragungen: Psychoanalyse - Kunst - Gesellschaft" zusammen. Sie alle berufen sich auf die Schule Freuds und Lacans, wobei die Kunst erkenntnistheoretisch gleichwertig wie die Erkenntnisse der psychoanalytischen Theorie gesehen wird.

Das Projekt wurde im Rahmen des "Art(s) and Science Call 2008" vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds für zwei Jahre gefördert. Der Schwerpunkt Kunst und "Magie" wird von der Künstlerin Mona Hahn und dem Philosophen Robert Pfaller erarbeitet. Im "sozialen" Schwerpunkt setzen sich der Psychoanalytiker Georg Gröller mit dem Ödipuskomplex, die Philosophin und Psychiaterin Ulrike Kadi mit der Thematik Körper und die Philosophin Eva Laquièze-Waniek mit jenem des Geschlechts auseinander.

Die "Übertragung" an sich ist Inhalt der Forschungen der beiden Psychoanalytiker Judith Kürmayr und Karl Stockreiter, wobei sich Letzterer auch mit dem Thema der "Imagination" beschäftigt. Als Projektleiter fungieren Eva Laquièze-Waniek und Robert Pfaller.

Bereits seit Freud gibt es eine Auseinandersetzung der Psychoanalyse mit Kunst und Kultur. Doch nicht das Kunstwerk an sich soll symptomatisch gedeutet werden - eine nicht unproblematische Tendenz der Psychoanalyse vergangener Tage -, sondern das Kunstwerk selbst soll auf eine eigene Weise zum Sprechen gebracht werden, erklärt Ulrike Kadi, um dadurch eine eigene Form der Erkenntnisgewinnung zu erzielen.

Die Kunst kenne diesen Ort, der konfliktuösen Situation, über die der Mensch sich als Subjekt wahrnimmt, und inszeniere ihn: Warum dieses Wissen nicht nutzen, fragt Projektleiterin Laquièze-Waniek.

Die Präsentation der ersten Forschungsergebnisse fand im Semperdepot statt. Ihr Thema: der Ödipuskomplex als Paradigma der Menschwerdung. Unter dem Titel "7 bestialische Gründe, warum es sich lohnt, den Ödipus zu verteidigen" erlebte das Publikum eine Defensio durch Krokodil, Frosch, Bär, Schwein, Feldhamster und Pferd; sodann ein Lehrstück und ein Couplet.

Anstelle des üblichen akademischen Vortrags fand man sich derart in einer Mischung von wissenschaftlicher Argumentation, Theater und Performance wieder. So sangen die Tierchen am Schluss der Präsentation: "Der Ödipus ist permanent und sich verrennt, der denkt, dass er ihn kennt! Wer glaubt, er hätt ihn durchgemacht, wird von uns lauthals ausgelacht."

Der "Magie", dem "Zauber der Kunst", die sich durch Charme und Witz auszeichnet, stehe in der heutigen Gesellschaft die Diffamierung von kleinen Verrücktheiten und die "Entzauberung" der Kunst gegenüber, sagt die Künstlerin Mona Hahn.

Die Forschungsgruppe versucht hier jedoch, durch ungewöhnliche Darstellungsformen der Theorie - wie jene des Theaters oder durch das Sichtbarmachen der zentralen Metaphern von umstrittenen Themen wie beispielsweise die Aufgabe des Tierischen in der Subjektbildung - festgefahrene wissenschaftliche Diskussionen wiederzubeleben und weiterzuentwickeln.

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