"Energieautarkie ist nicht anzustreben"

Bernhard Madlener | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Einen Stromausfall in Kauf zu nehmen kann volkswirtschaftlich sinnvoll sein, erklärt Horst Steinmüller

Heureka: Wenn man einmal eine Stunde bei Kerzenlicht verbringen muss, ist das wirklich halb so schlimm. Aber welche gesellschaftlichen Gefahren birgt ein Stromausfall?

Horst Steinmüller: Wirklich bedrohlich ist das in Österreich gar nicht. Natürlich kommt es nach Lawinen- oder Murenabgängen zu Ausfällen, die bis zu 60 Stunden dauern. Aber wo es um Sicherheitsfragen geht, ist vorgesorgt: Krankenhäuser etc. verfügen über Notstromanschlüsse. Kaum Absicherungen gibt es im Gewerbebereich.

Was auf stehende Maschinen hinausläuft?

Steinmüller: Ja. Wenn beim Lackierer die Geräte ausfallen, steht das halbfertige Auto da. Später geht es aber nicht einfach weiter: Man wird das Auto wohl rausziehen und den Vorgang neu starten müssen. Der Schaden, den vielleicht eine Versicherung trägt, hängt nicht von der Dauer des Stromausfalls ab, wie beim Privathaushalt - das Problem tritt sofort ein.

Warum kommt es in unserer technologisierten Zeit noch zum Ausfall?

Steinmüller: Jede Technologie kann trotz vorausschauender Instandhaltung Probleme machen. Aber natürlich geht es auch um den Netzausbau. Der heimische Stromverbrauch steigt mit etwa zwei Prozent pro Jahr. Unser Projekt "Blackouts in Österreich" analysiert die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen von großflächigen Ausfällen im Stromnetz. Dabei werden mögliche Schäden und damit verbundene Kosten mit dem finanziellen Aufwand eines Netzausbaus verglichen. Unter Umständen ist es volkswirtschaftlich vernünftiger, auf den Ausbau zu verzichten.

Man nimmt also Ausfälle in Kauf?

Steinmüller: Darum geht es nicht. Wir wollen aufzeigen, dass mit einem solchen Ansatz Prioritätensetzungen erleichtert werden. Dieser Ansatz wurde in der Forschung bisher nicht verfolgt, weshalb das EU-weit mit hoher Priorität gefördert untersucht wird.

Wie weit ist das "intelligente" Stromnetz?

Steinmüller: Der "Smart Meter", ein "intelligentes" Zählgerät, erfasst das Verbrauchsverhalten an einem Punkt. Darauf baut das "Smart Grid" - das gesteuerte Stromnetz - auf, welches auf die Optimierung der Stromversorgung etwa zu Spitzenzeiten abzielt. Wir beschäftigen uns damit, welche Verhaltensänderung beim Konsumenten möglich ist, wenn Verbrauchsmuster feststehen.

Wenn man sich Geld sparen kann, sollte das funktionieren, oder?

Steinmüller: Ein Großteil der Bürger hat keine Ahnung, was eine Kilowattstunde Strom kostet. Wenn man mit 20 Cent hoch ansetzt - der Durchschnittspreis liegt bei 17,5 Cent - und einen Haushaltsverbrauch von 3500 Kilowattstunden hernimmt, sind das 700 Euro im Jahr und 60 Euro pro Monat. Da ist es schwierig, zehn Euro pro Monat zu sparen. Interessanter ist es, Benchmarksysteme einzuführen und die Kunden über ihren Verbrauch zu informieren, da sie wissen wollen, warum sie schlechter sind als andere Konsumenten. Dieser Wettbewerb ist nützlicher.

Wie steht es um die Energieversorgung in Österreich? Sind wir zu abhängig vom Ausland?

Steinmüller: Unsere Energieimporte sind zu hoch und müssen durch Effizienzsteigerung, Einsparungen und vermehrte Nutzung heimischer Quellen reduziert werden. Aber eine Energieautarkie ist nicht anzustreben - sinnvoll wäre ein gesamteuropäischer Verbund. Dabei gilt es zu bedenken, dass es keine monokausale Lösung geben wird, sondern eine Vielzahl regional angepasster Technologien. Dafür muss die Politik aber von der Gemeindeebene bis hinauf zur EU und den Vereinten Nationen gemeinsame Ziele schaffen.

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