Energie um jeden Preis

Emily Walton | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Eigentlich scheint klar, was getan werden müsste, um das Energieproblem der Welt in den Griff zu bekommen - doch leider ist gar nichts daran klar: außer, dass die Situation prekärer wird

Nach einem langen Fußmarsch durch die Wüste hat Moses zehn Gebote veranschlagt. Du sollst Energie sparen! Dieses Gebot war nicht dabei", sagt Franz Wirl, Leiter des Lehrstuhls Industrie, Energie und Umwelt an der Uni Wien.

Pulverfass Energieversorgung

Hätte Moses dieses Energiespargebot aufgestellt, würde die Welt anders aussehen. Vielleicht wäre der CO2-Ausstoß geringer. Oder es gäbe das Problem der Erderwärmung nicht. Keinen Treibhauseffekt. Doch die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Auch Österreich muss sich diesen Themen stellen.

Aktuell beziehen wir 72 Prozent unserer Energie aus fossilen Quellen. Öl, das irgendwann zu Ende ist. Gas, das einige Länder (Russland, Katar, Iran) kontrollieren, die immer wieder ihre Macht demonstrieren. "Unsere Energieversorgung gleicht einem Pulverfass, das jederzeit in die Luft gehen kann", sagt Peter Biermayr von der Energy Economics Group an der TU Wien. Dann etwa, wenn das Öl so teuer wird, dass wir es uns nicht mehr leisten können. Oder wenn Konflikte im Nahen Osten ausbrechen. Wo kriegen wir dann unsere Energie her?

Österreich: Wasser und Wind

Im Land der Berge, Seen, Flüsse und Ströme ist Wasserkraft vielversprechend und schon weit entwickelt: Sie macht 45 Prozent unserer alternativen Energie aus, die 28 Prozent des Gesamtenergievolumens stellt. Attraktiv ist Wasserkraft vor allem deshalb, weil sie möglich macht, Energie zu speichern.

Für Österreich ist auch die feste Biomasse aus Hackschnitzeln, Brennholz und Holzpellets als Energiequelle interessant. Sie macht 39 Prozent der alternativen Energie aus. 100.000 Haushalte werden derzeit mit Holzpellets versorgt. Tendenz steigend.

Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien erleben einen Aufschwung. Die jeweiligen Potenziale sind jedoch regional unterschiedlich. Im Forschungsprojekt "Regio-Energy" konnte Energieökonom Biermayr mit Kollegen eine Potenzialanalyse für alle österreichischen Bezirke erstellen. Das Ergebnis: Während Erdwärme, Photovoltaik, Solarthermie und Biomasse relativ gleichmäßig verteilt sind, gibt es in Westösterreich ein größeres Potenzial für Wasserkraft, in Ostösterreich dominiert die Windkraft.

Wind ist eine Sparte, die 2010 einen besonderen Aufschwung erlebt: Nach Jahren der Stagnation werden aufgrund eines höheren Einspeisetarifs (garantierte Vergütung für Produzenten), der zu Jahresbeginn im Ökostromgesetz geregelt wurde, wieder Anlagen errichtet. Derzeit gibt es 619. Das Ziel, die Windenergie um 700 Megawatt bis 2015 auszubauen, wird früher als geplant erreicht sein.

Energieabhängigkeit von Afrika?

Das Potenzial, eigene Energie zu erzeugen, besteht in Österreich. Allerdings haben die meisten alternativen Energiequellen Nachteile: Sie sind extrem von externen Bedingungen abhängig. Die Alpenregion hat zwar viel Sonne, bietet aber keine Garantie, dass sie häufig genug scheint, um uns mit Energie zu versorgen. Auch wenn der Wind in den Ebenen stürmisch ist, sind unsere Windkraftanlagen weit weniger ergiebig als jene am Meer. Deutschland und England setzen auf Off-Shore-Parks, die aber auch nicht den Bedarf zur Gänze decken. "Man müsste die britische Insel nachbauen, um das gesamte Königreich mit Strom - und das sind nur 20 Prozent der Energie - zu versorgen", sagt Energieökonom Wirl.

In einem kleinen Land stößt man an Grenzen, will man nicht Ökologie, Anrainer oder die Ästhetik des Landes zerstören. Alle Gipfel mit Windrädern überziehen?

In anderen Breiten haben alternative Energieformen eine deutlich höhere Garantie: etwa in der nordafrikanischen Wüste, wo derzeit an Wind- und Solarprojekten gearbeitet wird, die Europa mit Energie versorgen sollen. "Natürlich macht es Sinn, diese Ressourcen zu nutzen", sagt Experte Biermayr. "Aber unabhängiger werden wir dadurch nicht. Nur die geografische Lage und die Energiequelle ändern sich." Statt des Nahen Ostens hat Nordafrika das Sagen. "Spätestens dann, wenn die Marokkaner es verstaatlichen", sagt Wirl.

Wie viel Aternativenergie geht?

"Österreich wäre durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen", sagt Stefan Schleicher, Professor an der Uni Graz und Energieexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut. Auch Energieökonom Biermayr glaubt daran, "aber wenn es heikel wird, könnte es wohl auf Kosten der Ökologie gehen". Professor Wirl steht der Energieautarkie gänzlich skeptisch gegenüber. "Wir können nur ein Drittel der Energie erzeugen, die wir im Alltag benötigen."

Das wirft die Frage auf: Wie viel Energie ist nötig? Theoretisch ließe sich der Energiebedarf der Zukunft mit einer mathematischen Formel berechnen, sagt Ökonom Wirl. "Aber man müsste viel zu viele Annahmen treffen. Langfristige Prognosen machen daher wenig Sinn." Freilich könnte man auch den aktuellen Pro-Kopf-Verbrauch von rund vier Tonnen Rohöleinheiten pro Jahr heranziehen, um den künftigen Energiebedarf zu errechnen. Doch dieser Wert sagt nichts darüber aus, wofür Energie gebraucht wird.

Wie groß sind die Flächen in den Gebäuden, die wir heizen oder kühlen wollen? Wie schaut unser Mobilitätsverhalten aus? Welche Distanzen bewältigen wir an einem Tag? Wie funktioniert der Gütertransport? "Darüber wissen wir viel zu wenig", sagt Wifo-Forscher Schleicher. "Wir müssen den aktuellen Energiebedarf analysieren: Welche Dienstleistungen sind mit der Bereitstellung von Energie verbunden - das sogenannte Energiedienstleistungsprofil."

Ziel ist nicht, den Menschen als gierigen Energiefresser zu entlarven, sondern anhand der Daten die Energieversorgung und den Verbrauch zu optimieren. TU-Experte Biermayr geht von einem Dreiphasenmodell zur Lösung des "Energieproblems" aus: "Wir müssen die aktuellen Energiedienstleistungen hinterfragen, schauen, was mit Effizienz machbar ist, und uns dann überlegen, woher wir diese zusätzliche Energie bekommen." Das blinde Drauflosrennen, um die nächste anzapfbare Energiequelle zu suchen, wird zu keiner vernünftigen, langfristigen Lösung führen.

Sparen im eigenen Haus

Mit dem Wissen, wie viel wir tatsächlich (ver)brauchen, wollen die Experten an Möglichkeiten zur Steigerung der Effizienz arbeiten: Wie können wir möglichst wenig Energie aufwenden, um einen möglichst hohen Output zu erzeugen?

Österreich hat hier bereits innovative Technologien vorzuweisen: Es gibt Passivhäuser, Niedrigstenergiehäuser und Plus-Energie-Häuser, die sogar mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Das Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au hat ein Hochhaus konzipiert, das sich selbst über integrierte Photovoltaikelemente, thermische Solarenergie und Windturbinen versorgt. Laut Experten soll sich ein solches "Selbstversorgermodell" langfristig durchsetzen. Schatz, du brauchst Strom? Warte - ich werf das Windrad an.

Diesen futuristischen Aussichten stehen allerdings jene Altlasten gegenüber, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer extrem viel Energie verbrauchen. Problematisch sind vor allem die Nachkriegsbauten, also all jene, die bis Anfang der 1970er-Jahre gebaut wurden. Durch Sanierung ließe sich der Energieverbrauch um 75 Prozent reduzieren. Doch wird laut Wifo-Forscher Schleicher pro Jahr nur ein Prozent der Gebäude saniert.

Dennoch hat Österreich im Bereich Wohnen, der rund ein Drittel des Energieverbrauchs ausmacht, große Forstschritte in puncto Effizienz erzielt.

Trotzdem steigt der Stromverbrauch

In anderen Bereichen klappt die Effizienzsteigerung nicht: Der Stromverbrauch steigt jährlich etwa um rund zwei Prozent, obwohl Kühlschrank, Fernseher oder Computer immer effizienter werden.

"Rebound-Effekt" nennt Energieökonom Biermayr dieses Phänomen, bei dem die Einspareffekte den zusätzlichen Verbrauch nicht kompensieren. Menschen kaufen eben noch mehr Elektrogeräte, oftmals mit hohen "Stand-by"-Verlusten. "Das könnte ein Grund sein. Genau wissen wir es aber nicht", sagt Biermayr.

Das Auto verschlingt alle Konzepte

Wirkliches Sorgenkind der Forscher ist aber weniger der Stromverbrauch in Privathaushalten oder Büros, sondern der Verkehr. Laut Biermayr eine "heilige Kuh, an der nicht zu rütteln ist". Der Österreicher ist nun mal ein begeisterter Autofahrer. "Studien zeigen, dass wir schneller ins Auto steigen als die Bewohner anderer EU-Länder", sagt Professor Schleicher. Und je größer das Fahrzeug ist, desto besser. Warum nicht? Braucht doch die große Familienkutsche so viel Sprit wie einst der kleine Stadtflitzer.

"Hier frisst die Gesellschaft die Effizienz", sagt Ökonom Wirl. Im Schnitt verbraucht ein Auto sechs bis sieben Liter auf 100 Kilometer. "Mehr werden wir nicht mehr herausbekommen, wenn die Fahrzeuge markttauglich sein sollen", meint TU-Professor Biermayr. Auch dem Dreiliterauto geben die Forscher wenige Chancen. "Es wäre kleiner und einfacher in der Ausstattung, billiger im Kaufpreis. Die Industrie hat kein Interesse daran, diesen Wagen zu produzieren", erklärt Energieökonom Biermayr. Trotzdem wird sich über kurz oder lang etwas am Verkehr ändern. "Exogene Faktoren werden uns dazu zwingen", so Biermayr. Wird das Benzin zu teuer, müssen wir weniger fahren. Gehen wir dann zu Fuß?

E-Auto und Car-Sharing

Experten bauen auf das Elektroauto, eine Technologie, die längst nicht markttauglich ist: Die Investitionen sind hoch, die Reichweite gering, die Batterieladezeiten lang. Offen ist auch die Frage, mit welcher Energie wir die Fahrzeuge, die vermutlich aus Materialien auf Kunststoff- und Kohlefaserbasis bestehen werden, aufladen sollen. "Bis 2020 werden Elektroautos daher noch keine Rolle spielen", sagt Biermayr.

In der Zwischenzeit gilt auch im Bereich Verkehr, der rund ein Drittel am Gesamtenergieverbrauch ausmacht, zu untersuchen, wie viel Energie tatsächlich nötig ist.

"Im Schnitt fährt der Österreicher 12.000 Kilometer im Jahr. Wer 60 Stundenkilometer fährt, fährt 200 Stunden. Das Auto ist eigentlich ein Stehzeug", rechnet Wifo-Experte Schleicher vor. Den Luxus wollen aber die wenigsten aufgeben.

Es bräuchte mehr Abstellplätze, sichere Fahrradwege, Fußgängerzonen und bessere öffentliche Verbindungen, um ein Umdenken zu erreichen.

"Später könnten dann die Elektrofahrzeuge als Dienstleistung verkauft werden." Schleicher ist ein Visionär, spricht von Car-Sharing im 21. Jahrhundert: Man holt sich ein Auto von der Ladestation in Wien, steckt es in Salzburg für den nächsten wieder an und schnappt sich zur Heimfahrt ein anderes Fahrzeug. Eine Vorstellung, die allerdings voraussetzt, dass sich die Österreicher vom Motto "Mein Auto ist mein zweites Wohnzimmer" trennen.

Nicht zum Energiesparen gemacht

Werden wir freiwillig unsere Autos teilen? Und in den Zug umsteigen? Der Ökonom Franz Wirl ist skeptisch: "Der Mensch ist nun mal nicht zum Energiesparen gemacht." Das sei auch daran zu erkennen, dass sich die Zahl der Ökostromabnehmer in einem überschaubaren Bereich halte. Geld (bzw. Geldersparnis) ist das Lockmittel, mit dem man den Ottonormalverbraucher zu einem Umdenken bewegen kann.

Geld, das vor allem die Politik zur Verfügung stellen muss. "Ohne ambitionierte und effektive energiepolitische Maßnahmen werden wir es nicht schaffen", sagt Biermayr von der TU. Er spricht von CO2-Steuern oder davon, den Einsatz von Solarthermie bei Neubauten vorzuschreiben. "Länder wie die Steiermark oder Oberösterreich machen das schon." Auch wünscht er sich verstärkte Förderungen, die etwa zum Kesseltausch bewegen.

Ökonom Wirl steht Förderungen skeptisch gegenüber: "Mit solchen Anreizen erreichen Sie zuerst jene Personen, die ohnehin zum Umsteigen geneigt sind." Außerdem hätten viele Verbraucher Angst, "hintenrum" erwischt zu werden: "Jedes Loch, das durch Förderungen im Budget entsteht, muss kurz darauf wieder gestopft werden in Form von Steuern."

Die Politik hat keine Zeit

Ohne Politik wird das Thema Energieversorgung nicht zu lösen sein. Mit Politik allein jedoch auch nicht. Denn die Zeitvorstellungen der Energieforscher und der Politiker sind extrem unterschiedlich. Während die Energieforscher an die nächsten 100 Jahre denken, gelangt die Politik schon mit der Festlegung einer mittelfristigen Energiestrategie an ihre Grenzen.

In der Energiestrategie 2020 wurde festgelegt, dass 34 Prozent unserer Energie bis 2020 aus erneuerbaren Energiequellen kommen sollen. Der Weg dorthin ist noch offen. Zu viel Konkretes könnte beim Wähler unbeliebt machen, eine Kürzung von Pendlerpauschalen oder eine CO2-Steuer ihn sogar gänzlich vergraulen.

"Nicht zu vergessen sind auch die starken Lobbys der fossilen Energie, gegen die man sich nicht auflehnen will. Als im Vorjahr durch die österreichische Mineralölwirtschaft eine hohe Förderung für private Ölkessel eingeführt wurde, gab es keinen Eingriff der Politik, obwohl dies klar den nationalen erneuerbaren Zielen für 2020 widerspricht", sagt Biermayr.

Er kritisiert zudem, dass es keine festgelegten Teilziele in der Strategie gibt, an denen man den Fortschritt überprüfen könne. Es bleibt also nur 2020 abzuwarten, um zu sehen, ob wir uns dem vorgegebenen Wert nähern - oder ihn verfehlen.

Das Kioto-Ziel verschlafen

An Zielen zu scheitern wäre im Umweltbereich nichts Neues. Mit der Teilnahme am Kioto-Abkommen hat sich Österreich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2012 zu senken. "Das Abkommen lag jahrelang im Keller", erklärt Biermayr. "Und jetzt ist es zu spät. Wir werden nicht mehr aufholen können." 86,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente wurden 2008 ausgestoßen, damit wurde das Kioto-Ziel um 17,9 Millionen verfehlt.

Der Staat wird das finanziell zu spüren bekommen. Er muss Abschläge zahlen. Global gesehen wird aber ein Scheitern eines kleinen Landes wie Österreich nichts ändern. Forscher Wirl gibt sich ironisch: "Was immer wir in Österreich tun, ist eh völlig irrelevant. Warum sollten wir?"

Die Berge weiß anpinseln?

Setzt Österreich mit der Teilnahme an Kioto nicht ein positives Zeichen? "Aber mehr als eine Aktion des guten Willens ist so ein Abkommen nicht", sagt Wirl. Es ändere nichts am bestehenden CO2-Mist, der die Umwelt vergiftet und aufheizt. Die CO2-Emissionen haben einen Temperaturanstieg von 0,7 Grad seit der industriellen Revolution bewirkt.

"Ziel ist, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu beschränken", sagt Ökonom Wirl. Wie das in der Praxis gelingen soll, darüber ist man sich noch nicht völlig im Klaren. "Theoretisch müsste man die bestehenden Kraftwerke dreckiger machen", sagt Wirl. Moderne Kraftwerke setzen kaum Schwefeldioxid frei, einen Stoff, der früher den CO2-bedingten Temperaturanstieg zumindest etwas gedämpft hat. Doch der Rückschritt zu alten Kohlekraftwerken ist keine Lösung.

Stattdessen versucht man, die Hitze der Sonne abzuwenden: Eduardo Gold, ein Forscher aus Peru, hat bereits begonnen, die Gipfel der Anden weiß anzupinseln. Die weißen Flächen reflektieren die Sonne und kühlen die Umgebung ab. Ein Vorhaben, das immerhin so vielversprechend ist, dass die Weltbank den Forscher mit 200.000 Dollar unterstützt.

"Es gibt auch Überlegungen, die Wolken anzupinseln, oder Spiegel ins All zu schießen", sagt Wirl. Ein bedenkliches Unterfangen. Denn ein Land, das solche Spiegel in die Atmosphäre schießt, könnte allein das weltweite Klima beeinflussen. Hinzu kommt, dass diese Spiegel keine unbegrenzte Lebensdauer haben.

"Wenn man sie abmontieren muss, wird es zu einem plötzlichen Temperaturanstieg kommen, den wir nicht bewältigen können", sagt Wirl.

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