Wo sind die Steckdosen?

Martina Paul | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Die E-Mobilität gilt als Hoffnung für die Umwelt und das Klima. Ein Überblick über den Stand der E-Mobilität in Österreich

Daimler-Benz feiert nächstes Jahr das 125-Jahr-Jubiläum der automobilen Jungfernfahrt ihres Gründers Carl Benz. Damit will das Unternehmen auch dessen Erfindung zu Grabe tragen: Der Automotor soll künftig nicht mehr mit Benzin, sondern mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden.

Europa auf dem Weg zum E-Mobil?

In Österreich waren 2009 5,98 Millionen Autos, davon 4,36 Millionen Pkw angemeldet - weltweit knapp eine Milliarde. 2030 sollen es 1,6 Milliarden sein. Der Motorisierungsgrad in Österreich wird von gegenwärtig 55,6 auf 73,7 Prozent im Jahr 2050 steigen.

Im EU-Parlament wird über eine europaweite Vernetzung und Standardisierung von Ladestationen und Steckern diskutiert. Das "10-Punkte-Aktionsprogramm zur Markteinführung von E-Mobilität mit erneuerbaren Energien in Österreich" des Lebensministeriums in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer Österreich lässt gute Ansätze erkennen. Noch aber fehlen konkrete Beschlüsse.

Anfangs wird weltweit mit 10.000 bis 50.000 verkauften E-Autos pro Jahr gerechnet. Dennoch sollen bis 2050 zwei Drittel des Fahrzeugbestands umgestellt sein. Der komplette Austausch wird bis 2075 erfolgen. Nach einer Studie des Umweltbundesamts seien bis 2020 an die 210.000 E- bzw. Hybridfahrzeuge in Österreich unterwegs. Von insgesamt sieben Millionen Fahrzeugen wären dann rund 75 Prozent mit E-Antrieb ausgestattet. Derzeit sind rund 365 E-Autos angemeldet, für 2011 werden über 1000 erwartet.

Elektromobile machen nur dann Sinn, wenn für deren Herstellung bzw. Aufladung ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien verwendet wird. Bis es dahin kommt, gelten Hybridfahrzeuge als Kompromiss zwischen Verbrennungs- und Elektroantrieb.

Autofirmen bringen erste E-Autos

Das vor sechs Jahren gegründete US-amerikanische Unternehmen Tesla gilt mit seinem E-Roadster als Vorreiter der Branche: Der Wagen mit 248 PS/185 kW beschleunigt in 3,7 Sekunden von null auf 100 km/h. Derzeit werden pro Jahr rund 1000 Exemplare um je 84.000 Euro abgesetzt. Für das Jahr 2012 ist eine Limousine in Planung. Deren Entwicklungskosten hat Tesla in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Daimler und Toyota haben sich an Tesla beteiligt. Tesla liefert Daimler die Batterien für den E-Smart (mit 135 Kilometern Reichweite und einer Aufladezeit von acht Stunden ab 2012 erhältlich) und arbeitet an der Entwicklung der Elektroversion der A-Klasse mit.

Toyota entwickelt eigene Lithium-Ionen-Batterien, testet jedoch auch jene von Tesla. Der Prius soll bis Mitte 2012 auf Hybrid- bzw. Batteriebetrieb umgestellt sein und rund 22.000 Euro kosten.

Nissan wird mit dem Leaf Ende 2011 nach Österreich kommen. Es soll das erste massentaugliche E-Auto mit 80 kW und einer Spitze von 140 km/h sein. Starkstrom lädt die Batterie in einer halben Stunde zu 80 Prozent auf, eine komplette Aufladung per 230 Volt dauert acht Stunden.

Mitsubishi bietet den i MiEV in Österreich um rund 36.000 Euro an. 2011 will man 500 Stück verkaufen. Honda plant, den Anteil der Hybridmodellverkäufe auf zehn Prozent im Jahr 2012 zu erhöhen. Zu den derzeitigen Hybridmodellen Civic, Insight und CR-Z soll eine E-Version des Jazz hinzukommen.

Renault bringt ab 2011 den Kangoo Express Z.E. (Zero Emission), die Mittelklasselimousine Fluence Z.E., den Stadtlieferwagen Kangoo Express Z.E. und den zweisitzigen Stadtzwerg Twizy Z.E. mit Preisen zwischen 20.000 und 26.000 Euro. Re- nault bietet ein Batterieleasing mit monatlicher Pauschale. Peugeot verlangt für seinen noch heuer in Österreich erhältlichen iOn mit 47 kW und 130 km/h Spitzengeschwindigkeit 35.000 Euro. Skoda produziert eine E-Version des Octavia (60 kW, Reichweite 140 Kilometer), Opel den Ampera (111 kW), VW den Up! und GM den Chevrolet Volt um rund 32.000 Euro.

Das Problem der Batterie

Eine Batterie ist bis zu 300 Kilogramm schwer. Und sie kostet so viel wie ein Kleinwagen (beim Opel Ampera rund 15.000 Euro). Ihre Reichweite beschränkt sich noch auf 150 Kilometer - freilich betragen zwei Drittel der täglichen Verkehrswege weniger als 60 Kilometer.

Peter Reif, Chef der Magna-E-Auto-Sparte, schätzt, dass in fünf Jahren Reichweiten um die 250 Kilometer technisch möglich sind. Ein Elektromotor erfordert auch einen hohen Anteil an Halbleitern und Chips. Reinhard Petschacher, Infineon-Forschungschef, beziffert ihren Wert auf 900 Dollar. Bei einem herkömmlichen Auto seien Halbleiter für 236 Euro eingebaut.

Um E-Autos günstiger zu machen, bietet das Unternehmen Better Place den Batterietausch an: Bei Bedarf fährt man die nächstgelegene Servicestation an und tauscht die leere Batterie gegen eine volle. Abgerechnet werden die verbrauchten Batterieeinheiten über das Handy. Gemeinsam mit Renault und Nissan testet Better Place in Dänemark, Israel und Australien. Israel investiert rund 150 Millionen US-Dollar.

Das Tauschsystem setzt eine für alle Autos standardisierte Batterie voraus. Das bedingt Normen bei der Autoproduktion und wohl Beschränkungen beim Design. Französische, japanische und chinesische Hersteller von Kleinwagen könnten damit gut leben. VW, Daimler oder BMW jedoch fürchten um ihre Markenidentität.

Daher investiert Daimler mit dem Batterieproduzenten Bosch in die Entwicklung von massentauglichen Batterien. Daimler ist ein Joint Venture mit Evonik Industries eingegangen, um zum größten europäischen Autobatterieproduzenten zu werden. Auch Magna plant, in den Batteriemarkt einzusteigen. Als möglicher Partner wird Mitsubishi genannt, das Investitionsvolumen soll bis zu 700 Millionen Euro betragen. Für ein Werk ist neben Spanien auch das Burgenland im Gespräch.

Zu den weltweit größten Herstellern von Batterien zählt das chinesische Unternehmen BYD. Es arbeitet an der Weiterentwicklung der Lithium-Ionen- zu einer Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie, von der man sich mehr Sicherheit und geringere Herstellungskosten erwartet.

Die Förderung der Infrastruktur

Schafft Österreich den Sprung zur E-Mobilität? Politik und Wirtschaft wollen einen strukturierten Aufbau bis zum Jahr 2020 erreichen - dafür scheint es Bernhard Haider, Experte der Beraterfirma PricewaterhouseCoopers, schon fast zu spät. Involviert sind vier Ministerien: Infrastruktur, Wirtschaft, Umwelt und Finanz. Um eines der geringfügigeren Probleme darzustellen: Obwohl die Errichtung von Stromtankstellen längst finanziell unterstützt wird, ist die Rechtsfrage nach einem Gewerbeschein noch ungeklärt.

In Österreich fördern Bund, Länder, Gemeinden, Regionen und Verbände. Der Bund erlässt die NoVA und die motorbezogene Versicherungssteuer. Bisher hat der Staat 2000 E-Fahrzeuge gefördert und weitere vier Millionen Euro für die E-Mobilität zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen Subventionen von 500.000 Euro für die Errichtung von Stromtankstellen.

Erste Projekte in Österreich

2009 gründeten zwölf (heute sind es 20) österreichische Unternehmen den Verein Austrian Mobile Power (AMP) und investieren 50 Millionen Euro in die Infrastruktur für 200.000 E-Mobiles im Jahr 2020. Auch Telefonzellen sollen zu Stromladestationen umgerüstet werden. Im August wurde die erste Stromtankstelle (230V/16A/Caravansteckdose) im Tiroler Alpbach präsentiert. An die 13.500 Telefonzellen stehen zur Verfügung, heuer sollen noch 30 mit jeweils zwei Steckplätzen ans Netz gehen.

Jüngstes Mitglied der AMP ist die Rewe Group mit rund 1,5 Millionen Kunden, deren Unternehmen seit zwei Jahren ausschließlich mit Ökostrom ausgestattet sind. Sie wird in Österreich alle neuen Großmärkte mit Stromtankstellen ausstatten. Spar konzentriert sich auf die E-Fahrradfahrer. Zurzeit sind mehr als 50 Stationen in Betrieb.

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