Architektur und Stadtplanung

"Geht's doch auf die Platte"

aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Interview: Erich Klein

Friedrich Achleitner im Gespräch mit Erich Klein und Ortrun Veichtlbauer über Standorte für das Wien Museum, den Wiener Wohnbau und die Architektur im Lande.

Der Autor und Publizist Friedrich Achleitner, 1930 in Schalchen (Oberösterreich) geboren, gilt als Doyen der österreichischen Architekturgeschichte. Nach dem Studium der Architektur an der Akademie der bildenden Künste in den 50er-Jahren war er einer der berühmten Avantgardeliteraten der Wiener Gruppe (H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Oswald Wiener, Konrad Bayer). In den 60er-Jahren trug er als Mitarbeiter der Presse wesentlich zur Etablierung der Architekturkritik als öffentliche Diskursform bei.

Von 1983 bis 1998 war er Vorstand der Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst. Nach vier in den letzten Jahren publizierten Bänden mit Kurzprosa erschien soeben der letzte Band seines Hauptwerks "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden". Die vor 40 Jahren begonnene Bestandsaufnahme zeitgenössischen Bauens aller Bundesländer (mit Ausnahme Niederösterreichs) resümiert Friedrich Achleitner lakonisch: "So etwas beginnt man, wenn man keine Ahnung hat."

Heureka: In Ihrer "Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert" fällt die Begeisterung für scheinbar nebensächliche Details und vor allem technische Nutzbauten auf, die gleichrangig neben den großen Architekten stehen.

Friedrich Achleitner: Ich habe eine sentimentale Bindung an Wasserbauten - vielleicht, weil ich an einem Wehr aufwuchs. Wir hatten zu Hause eine kleine Mühle - und das Wasser hat Tag und Nacht gerauscht (lacht).

Wann und wie sind Sie zum Großstädter geworden? Wien ist ein Hauptbetätigungsfeld Ihrer Architekturkritik und -geschichte.

Achleitner: Das war ein langsamer Prozess. Nach Wien zu gehen war vielleicht durch meinen Vater vorgeprägt. Er hat die einzige Mühlenbaufachschule, die es in der Monarchie gegeben hatte, besucht, im tschechischen Lundenburg, und er war ein sehr guter Zeichner. Er hat mir irgendwie eingeimpft, du musst einmal weg, du musst etwas anderes machen. Nach der Salzburger Gewerbeschule, die eigentlich eine Galeere war, ging ich 1950 nach Wien - eigentlich wegen der Literatur. Aber das ist eine andere Geschichte. Man hat damals sehr schnell studiert, ich war nach drei Jahren fertig und habe bei Holzmeister mein Diplom gemacht.

Die glorreichen 50er-Jahre wurden oft erzählt - eines der heute vergessenen Themen sind die zahlreichen Kirchen, die damals entstanden; angeblich mehr als in der ganzen Geschichte davor. Sie haben als Architekt selber an einer Kirche mitgebaut.

Achleitner: Johann Georg Gsteu und ich haben die Hetzendorfer Kirche entrümpelt. Es war eine relativ drittklassige Jahrhundertwendekirche voll Baumeisterbyzantinik, aus der wir einen sehr puristischen Raum machten. Es gibt einen Plan der TU Wien, das jetzt wieder zurückzubauen! Was die Kirche insgesamt betrifft, so entwickelte sie nach dem Krieg ein neues Selbstverständnis. Einige Kleriker wie Otto Mauer wollten eine kulturelle und künstlerische Öffnung. Die Galerie St. Stefan war tatsächlich der einzige Ort in Wien, wo über moderne Kunst gesprochen wurde oder über wirkliche Fragen der Architektur. Die Stadt Wien, das Rote Wien, hat damit erst sehr viel später begonnen.

Ein Stichwort - nicht nur der 50er-Jahre - ist das vom "Menschenrecht auf Wohnen". Was den Wiederaufbau nach dem Krieg betraf, so gab es damals wilde Polemiken, vor allem auch vor dem Hintergrund der Qualität des sozialen Wohnbaus der Zwischenkriegszeit.

Achleitner: Man musste damals - was verständlich war - möglichst schnell und möglichst viel bauen; man hatte einen bestimmten Wohnungstyp, damit waren die Preise festgelegt, die Architekten durften das Ganze ein wenig zusammenstellen. Was kritisiert wurde, war eigentlich ein absolut soziales und demokratisches Konzept - dass jede Wohnung dieselben Bedingungen hat. Die Situation hat sich dann sukzessive gebessert, auch beim Plattenbau; die Folgen waren dennoch, dass diese Anlagen enorm gleichförmig wirkten. Diese Kisten standen im leeren Raum, es gab nur das Abstandsgrün. Geht man heute in die Großfeldsiedlung, fragt man sich, was man eigentlich kritisiert hat. Man muss es wirklich sagen: Im Wohnbau hat Wien eine einmalige Stellung in Europa, in keiner Großstadt gibt es eine derartige Vielfalt an leistbarem Wohnbau. Guten Wohnbau gibt es auch in der Schweiz, den sich aber nur die Oberschicht leisten kann.

Um in Wien zu leben, muss man sich mit dem Historismus abfinden oder anfreunden. Und: kein Wien ohne Otto Wagner, der auch im "Achleitner" breiten Raum einnimmt.

Achleitner: Man darf nicht vergessen, dass noch in den 60er-Jahren Wagner-Bauten und Hoffmann-Villen abgerissen wurden! Damals war Feuer am Dach. Der Historismus kommt bei mir nicht negativ weg - es wurden in der Gründerzeit unendlich viele Bautypologien erfunden: Bahnhofs- und Markthallen, alle möglichen technischen Großbauten; der Historismus war unglaublich modern. Und die Wagner'sche Stadtbahn war wirklich eine außerordentliche urbane Leistung.

Im dritten Wien-Band beschreiben Sie einen Wagner-Bau, die Stromverwaltung an der Donau in Nussdorf, geradezu euphorisch.

Achleitner: Das ist auch ein unglaublicher Punkt in Wien - man glaubt dort, man steht in Petersburg bei der Admiralität. Komischerweise gehen die Wiener mit diesen Sachen so negativ um. Warum muss die innere Donau, die dort beginnt, "Kanal" heißen? Das ist ein Flussarm, der einen unglaublichen Stadtraum bildet und gerade langsam wieder zurückerobert wird. Oder das sogenannte Entlastungsgerinne, dessen Planung meine linken Freunde immer kritisiert haben.

Das in ganze Europa als vorbildliche Freizeitzone angesehen wird. Eine allgemeine Frage: Was ist schön und was ist hässlich in der Architektur?

Achleitner: Um ehrlich zu sein - das ist für mich kein Thema mehr. Dabei geht es um Dinge, die sich wahnsinnig schnell verändern: Bauten verändern sich, sei es durch Abnutzung oder Patina, was sich aber noch rascher ändert, ist die Wahrnehmung. Ich habe noch erlebt, dass die Ringstraße als Schmarren bezeichnet wurde und die Architekten sagten, man kann das alles von den Fassaden herunterräumen. Dann war der Jugendstil zu einem Schmarren - und wurde wieder entdeckt, später galt dasselbe für die 50er-Jahre. Je mehr man über etwas weiß, umso mehr schätzt man es, umso mehr versteht man es auch - und natürlich war ich jünger auch weitaus kategorischer. Auf "schön" und "schiach" lasse ich mich schon lange nicht mehr ein.

Statt "Nieder mit Fischer von Erlach", wie eines Ihrer Bücher heißt, "Hoch lebe das Hundertwasserhaus"? Der Ringturm war in den 80er-Jahren noch verpönt - heute gilt er als "sanfte Moderne", der Westbahnhof wird seit einem Jahrzehnt zur "Mona Lisa" des Wiederaufbaus erhoben. Ihre Generation hat das noch anders gesehen. Angesichts dessen, was jetzt rundherum gebaut wurde, stockt einem dennoch der Atem!

Achleitner: Für den Westenbahnhof habe ich keine Antwort. Ich vermute, die Bahn verfolgt eine neue Politik: Der Bahnhof, die Tatsache, dass man dort wegfährt oder ankommt, ist Nebensache; stattdessen wird ein Einkaufszentrum errichtet, eine Art kommerzielles Stadtzentrum. Ich habe keine Theorie, es ist nur eine Vermutung: Wenn etwas Neues entsteht, stellt das einen Eingriff in die eigene Welt dar - die eigene Existenz wird infrage gestellt. Wächst man mit bestimmten Dingen hingegen auf, wird das schon zum Bestandteil der eigenen Welt - egal, ob die Eltern dazu "schön" oder "schiach" sagen. Es wir im Lauf der Biografie zu einem Bestandteil des eigenen Lebens. Bei der Diskussion um das Museumsquartier konnte jemand wie der englische, aus Wien stammende Kunsthistoriker Ernst Gombrich, sagen: "Ich möchte, dass die Silhouette meiner Jugend erhalten bleibt." Was steht aber in dieser Silhouette drinnen? Der Flakturm - das Monster, das jene Leute errichteten, die Gombrich vertrieben hatten. Es ist völlig irrational - aber er sah noch immer die Silhouette seiner Jugend, die sich total verändert hatte.

Ein wiederkehrender Streitpunkt zwischen Architekten und Kritikern waren lange Zeit Wiens nicht vorhandene und zu bauende Hochhäuser.

Achleitner: Was in Wien an Hochhäusern gebaut wird, ist im Vergleich zu den neuen, explodierenden Städten ein Zwergengarten. Die Donaucity ist ein liebenswürdiges Quartier, wo die Hochhäuser der Wiener Chefarchitekten miteinander "dischkarieren". Wobei ich kein Gegner der Donaustadt bin, die noch Zeit braucht; eine Stadt wird nicht einfach geplant und entsteht auch nicht in zehn Jahren - da steht ein langer Weg bevor. Was dort drüben tatsächlich fehlt, sind öffentliche Einrichtungen, Kultur, auch eine Universität. Allein mit Büros und Wohnen kann man keine Stadt bauen.

Gab es nicht Pläne für den Umzug Ihrer ehemaligen Hochschule, der jetzigen Universität für angewandte Kunst, dorthin?

Achleitner: Ich weiß nicht, warum das nicht funktioniert hat.

Weil die Monarchie am Stubenring schöner ist?

Achleitner: Das ist so ein kleinbürgerliches Vorurteil. Ich diskutiere auch dauernd mit Wolfgang Kos, dem Direktor vom Wien Museum, über den Standort seines Hauses. Ich sage ständig: "Gehts doch auf die Platte!" Es gibt keinen besseren Platz, an dem sich das Museum besser ausbreiten könnte, wo alles untergebracht werden kann, was ein Museum braucht, und wo es einen Ausblick auf ganz Wien gibt, wenn ich schon ganz Wien ausgestellt habe. Geht man dorthin, symbolisiert man damit auch, dass das Museum etwas mit Zukunft zu tun hat und nicht nur mit Vergangenheit.

Zwei, vor allem symbolische Fragen, die im Wiener Wahlkampf aufgetaucht sind, vermutlich aber auch danach nicht ganz verschwinden werden. Was sagen Sie zum Bau von Minaretten?

Achleitner: Das ist für mich überhaupt kein Problem. Andernfalls müsste man ja auch die Zwiebeltürme auf den Kirchen in ganz Österreich verbieten - die kommen auch aus dem osmanischen und byzantinischen Raum. Wenn eine Religion bei uns in einem bestimmten Prozentsatz vorhanden ist, muss man mit diesen Zeichen leben. Eine andere Frage ist, dass das vom Lugner gebaute islamische Zentrum besser sein könnte - ein Architekt wurde nicht einmal gefragt. Eine Moschee wie sie Paolo Portoghesi in Rom gebaut hat, könnte ich mir schon vorstellen.

Was halten Sie vom Plan, das Lueger-Denkmal schief zu stellen, um auf die höchst zweifelhafte Ambivalenz des Jahrhundertwende-Bürgermeisters und seinen Antisemitismus hinzuweisen?

Achleitner: Ich bin nicht dafür, dass man die Geschichte baulich korrigiert. Das Denkmal ist so, wie es ist. Es ist auch ein Zeitelement - man muss es nur interpretieren. Man muss wissen, was es ist, und diese Information muss zugänglich sein. Es schief zu stellen, ist unnötig wie ein Kropf.

Neben der langwierigen Arbeit an der "Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert", die leider Niederösterreich nicht mehr erfasst hat, sind in den letzten Jahren nach längerem Schweigen etliche Bücher mit literarischen Texten erschienen. Was sind Ihre nächsten Pläne?

Achleitner: Um einen Niederösterreich-Band, der mich sehr interessiert hätte, zu schreiben, müsste ich 60 sein! Ich möchte zwischendurch, um von der Architektur Abstand zu kriegen und von der Literatur Abstand zu halten, ein schnelles Buch über die Denkmäler des kürzlich verstorbenen Bogdan Bogdanowitsch machen.

Dessen Denkmäler waren eigentlich Grabmäler für die Toten des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien. Hat nicht Adolf Loss das Grab als Ursprung der Architektur bezeichnet?

Achleitner: Ein Erdhügel, sechs Schuh lang, pyramidenförmig aufgeschüttet - da weiß man, da ist ein Mensch begraben. Bogdanowitsch hat sich tatsächlich mit den Anfängen der Architektur beschäftigt. Das Archaische war die einzige Fluchtmöglichkeit aus dem sozialistischen Realismus, das sind Dinge, die jeder kapiert, aber politisch nicht deklariert sind. Bogdan war für mich insofern wichtig, als er die ganze westliche, ziemlich doktrinäre Moderne relativiert hat. Meine anderen Pläne ? weil ich ein Wahnsinniger bin, habe ich mich überreden lassen, in Linz noch einmal meine Vorlesungen zu halten. Es geht um die Länder rund um Österreich, wovon die Hälfte zur Monarchie gehörte, um die Entwicklung der Moderne und die Konstruktion von Nationalarchitekturen. Also eine ziemlich spannende Sache.

Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert

Wien, 19.-23. Bezirk

Hg. vom Architekturzentrum Wien

Residenz 2010

(alle drei Wien-Bände auch als Gesamtpaket)

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