Kommentar

Brief aus Brüssel

Christian Bretter | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Matonge, so heißt ein Viertel in Brüssel. Ein Viertel mit diesem Namen gibt es auch in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Dies ist kein Zufall. Zu Ende des 19. Jahrhunderts war der Kongo Privatbesitz von Leopold, König von Belgien - und über 76-mal so groß wie Belgien. Details darüber beschreibt der 1857 in Polen geborene englische Schriftsteller Joseph Conrad in "Heart of Darkness". Das Buch diente Francis Ford Coppola auch als Vorlage für seinen Film "Apocalypse Now".

Heute grenzen das mit der rücksichtslosen Geschmacklosigkeit von 1980 errichtete Europäische Parlament und sein Verwaltungsbezirk an das heruntergekommene, von Afrikanern bewohnte Viertel Matonge. Die glasklar geputzten Scheiben der Europäischen Union stehen in Kontrast zu den bunten Stoffen der Afrikanerinnen und der abblätternden Fassaden ihrer alten Häuser. Ein Kontrast, der wenig Versöhnliches an sich hat.

Auch wenn die Buntheit der Stoffe, die übrigens aus Holland kommen, etwas von romantischer Ursprünglichkeit vermitteln mag, hält dieser Schein keinem genaueren Blick stand. Besucht man das alljährlich stattfindende Fest in Matonge - es stellt sich auf Plakaten als ein buntes, fröhliches Zusammensein dar -, wird einem nach ein paar Schritten durch das Viertel entgegen jeglicher guten Absicht jämmerlich übel.

Die mit Markständen vollgestopften Straßen sind flächendeckend übersät mit billigem Plastikschrott aus China. Um der schönen Idee des Shoppingcity-Flairs noch näher zu kommen, gibt es an allen Ecken Lautsprecher, aus denen MTV-Rap rülpst. Selbst dem größten Kulturoptimisten fällt es angesichts eines solch wunderbar angerichteten Eintopfs von europäischen, chinesischen und afrikanischen Zutaten schwer, ein Lächeln zu bewahren. Leicht gerät es zu einer zynischen Fratze.

Der Polizist mit dunkler Haut und Rasterzöpfen, der mein Auto abschleppen wollte, sich dann aber doch noch ohne irgendeinen Zettel zu schreiben davon abhalten lies, zeigte mir wieder einmal das Brüssel mit seinem unglaublich vielschichtigen und sympathischen Gesicht. Und dies in einer wohltuenden Selbstverständlichkeit. Hier und jetzt und nicht in der romantischen Vorstellung einer Vergangenheit. Keine Spur von Ethnokitsch und händchenhaltender Folklore.

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