Was am Ende bleibt

Der Krötenküsser

Erich Klein | aus HEUREKA 4/10 vom 20.10.2010

Den Fall des Wiener Biologen Paul Kammerer griff Athur Koestler als einen der großen Wissenschaftsskandale des frühen 20. Jahrhunderts auf. Kammerer, 1880 als Sohn eines Fabrikanten in Wien geboren, begeistert sich früh für Geckos und Salamander. Mitarbeiter der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater attestieren ihm später: "Kammerer verstand es, Amphibien unter künstlich veränderten Umweltbedingungen zu züchten wie keiner vor und nach ihm."

Trotz zahlreicher Publikationen bekam der 1911 habilitierte "Halbjude" Kammerer keine Professur: Wiener Wissenschaft war schon partiell antisemitisch. Außerdem erschien der Musikliebhaber für den akademischen Betrieb etwas zu extravagant: "Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war", erinnerte sich Alma Mahler, Kammerers zeitweilige Assistentin und Geliebte.

Seine Forschung stand im Widerspruch zum Darwinismus. Die sich eigentlich nur an Land paarende Geburtshelferkröte tat dies in Kammerers Experiment auch im Wasser: Um sich am Rücken der Weibchen festzuklammern, bildeten die Männchen sogenannte Brunftschwielen aus und vererbten sie weiter.

Der folgende Wissenschaftsdisput war von Sensationsgier begleitet. Der Londoner Daily Express über einen Vortrag des Wiener Lamarckisten: "Großartige Entdeckung der Wissenschaft - Augenlosen Tieren wachsen Augen - Wissenschaftler behauptet, Übertragung guter Eigenschaften entdeckt zu haben / Genie vererbbar / Umgestaltung der Menschheit!"

Dass Kammerer die Ergebnisse seiner Geburtshelferkrötenexperimente fingierte und seine Präparate manipulierte, ist heute Commonsense. Geheimnisumwittert blieb hingegen sein Ende: Anders als im Westen war in der frühen Sowjetunion die offizielle Wissenschaft auf die Parteilinie Lamarck'scher Evolutionstheorie eingeschworen. Das großzügige Angebot an Kammerer, in Moskau ein Forschungsinstitut einzurichten, lehnte er im letzten Moment ab. Am 22. September 1926 erschoß er sich auf rätselhafte Weise - er hielt mit der Rechten einen Revolver hinter das linke Ohr und drückte ab.

Arthur Koestler: Der Krötenküsser.

Der Fall des Biologen Paul Kammerer

Aus dem Englischen von Krista Schmidt, Czernin (Wien 2010), Bibliothek der Erinnerung Band XII

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