Kommentar

Vertreibung der Vernunft 2010

Hubert Christian Ehalt | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Die Bundesregierung ist mit der Zielsetzung angetreten, Wissenschaft, Forschung und Innovation zu unterstützen, die Forschungsquote zu erhöhen und öffentliche Anerkennung für Wissenschaft und Forschung zu stärken. Nach den Kürzungen der Familienbeihilfe für Studenten gibt es nun aus dem Wissenschaftsministerium eine neue Hiobsbotschaft. Die Basisförderung von etwa 80 Instituten des außeruniversitären Wissenschaftssektors soll gestrichen werden. Ein Akt, der das Gerede von der Notwendigkeit der Forschungs- und Innovationsförderung als das entlarvt, was es in Österreich war und auch in der Gegenwart ist: lauwarme Rhetorik.

Es gibt in der Wissenschaftsförderung einen Hauptsatz: Stärken müssen gestärkt werden! Diese Erkenntnis folgt der Einsicht, die Hubert Markl auf den Punkt gebracht hat: In schwierigen Zeiten darf man alles drosseln, nur nicht die Blutzufuhr zum Gehirn.

Seit den 70er-Jahren hat Österreich eine Entwicklung durchgemacht, in der trotz aller Brüche, Rückfälle, Gegenentwicklungen Demokratie und Zivilgesellschaft gestärkt wurden. Die Öffnung und in Hinblick auf demokratische Standards Normalisierung der österreichischen Gesellschaft wurde durch wissenschaftliche Institutionen initiiert, vorangetrieben und begleitet, die in einem Begegnungsfeld zwischen Forschung, Vermittlung und Anwendung agieren. Institute wie das IWM, das IFK, das IHS, das ZSI, um nur einige der betroffenen zu nennen, leisten erfolgreich jene Vermittlungstätigkeit zwischen Analyse und Expertise und zwischen Forschung und Öffentlichkeit, die in der internationalen Scientific Community heute Standard ist. Aktuelle Forschungsansätze im Bereich von Gender und Cultural Studies und in innovativen Bereichen der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften sind mit diesen Instituten verbunden.

Im Ministerium ist von "Strukturbereinigung" die Rede und von dem Plan, die Institute, denen man die Basismittel streicht, an die Universitäten, die ebenso unter akutem Geldmangel leiden, anzubinden. Jeder, der nur minimale Sachkenntnis hat, weiß, dass die Umsetzung dieses Plans weder sinnvoll noch machbar ist. Die Streichung der Förderung für diese Institutionen bedeutet die Gefährdung der Arbeitsplätze von einigen Tausend Wissenschaftlern; sie ist ein bedrohlicher Anschlag auf das ohnedies unterentwickelte intellektuelle Klima in Österreich. Die Entscheidung zeigt, dass von Exzellenzförderung gesprochen wird, die Exzellenzfelder aber offensichtlich unbekannt sind.

Hubert Christian Ehalt ist Univ.-Prof. und Wissenschaftsreferent der Stadt Wien

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige