Philosophie

"Bildung kommt auch aus Datenbanken"

aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Ein Gespräch mit dem Philosophen Herbert Hrachovec über sein Buch zur Bildungspolitik, "Platons ungleiche Erben. Bildung und Datenbanken"

Interview: Erich Klein

Die "Aushöhlung" des Bildungsideals wird oft der Ökonomisierung der öffentlichen Verhältnisse zugeschrieben. Der Philosoph Herbert Hrachovec, als Vorsitzender der Curricularkommission an der Universität Wien für die Umsetzung des Bologna-Prozesses verantwortlich, sieht sie in der Geschichte angelegt. Seine überraschende These: "Platon hat die Karriere für soziale Aufsteiger als Bildungsweg beschrieben." Und: "Die technischen Formalitäten von Datenbanken sind keine fremdartigen barbarischen Erfindungen, die Platons Erbe gefährden."

Falter HEUREKA: Der Titel Ihres neuen Buchs mutet ein wenig rätselhaft an: sehr rigoros wie ein Traktat einerseits und andererseits disparat.

Herbert Hrachovec: Ich hatte lange Zeit keine Lust, Bücher zu schreiben. Es gibt viele andere Technologien, die interessanter sind als Bücher. Dann gab es eine Koinzidenz von Ereignissen - die Audimax-Besetzung und eine Lehrveranstaltung, die ich im Anschluss mit Studierenden machte: Mein Versuch, die Studierenden zu überzeugen, dass sie nicht mit einem Begriff wie Bildung hausieren gehen sollen, traf auf großen Widerstand. Für mich war es unfassbar, dass "Bildung" derart große politische Wirksamkeit hat, und zwar nicht nur in der Bildungspolitik, sondern als Protest überhaupt. Darüber hinaus wollte ich für mich selbst im Feld von Internetarbeit, Wissensgesellschaft, den neuen Formen von gemeinschaftlicher Wissensproduktion und alten Kriterien Ordnung schaffen. Ein viertes Motiv waren die Tendenzen innerhalb der Fachwelt, über Bologna herzuziehen und den völligen Verlust der Bildung zu beklagen.

Warum bricht immer gleich der Untergang des Abendlandes aus, wenn

Philosophen zur Bildung sprechen?

Hrachovec: Schon 1903 schreibt Karl Kraus von der Apokalypse - dass alles zusammenbricht, von der Bildungskatastrophe, dass alles verkommen und verblödet ist. Es wundert mich auch, dass die Leute nicht müde werden, diese Dinge zu wiederholen und ihre politischen Aktionen mit diesem Refrain zu befeuern.

Widersprechen Wikipedia und Orchideenfächer als Gütesiegel für Bildung einander nicht?

Hrachovec: Die Frage ist jene nach "Wiki" und konventionellen Medien: Wie viel Vertrauen bringt man gegenüber einer Kooperation auf im Gegensatz zum Modell des autoritär funktionierenden Autors oder Editors? Das ist der spannende Punkt zwischen Bildung und Datenbanken. Konventionellerweise ist Bildung das gewachsene Ganze einer Person oder Gruppe - Datenbanken sind ein Durcheinander von Infos. Die Organisation der Informationsarbeit über Datenbanken kann jedoch Effekte der Bildung produzieren - speziell im Bereich der Enzyklopädie. Orchideenfächer werden dort geradezu promotet.

Als Koordinator des Bologna-Prozesses darf man keine Berührungsängste mit Ausdrücken wie "Wissenskapital" haben?

Hrachovec: Es ist ein Standard, sich über Ökonomisierung zu beschweren - auch wenn vieles dabei ärgerlich ist. Die Perspektive der Wirtschaft wird unbedacht abgelehnt, mitunter auch aus akademischem Dünkel. Dennoch gilt gegenwärtig: Firmen, die großes intellektuelles Potenzial haben, in denen viel Wissen oder Softwareprogramme stecken, sind sehr viel mehr wert als Bergwerke. Man kann die Frage nach Forschung, Entwicklung und dem intellektuellen Kapital nicht immer nur als Feindpropaganda sehen. Österreich und speziell die Uni Wien hat den Bologna-Prozess nur fluchend über sich ergehen lassen. Ich habe mich einigermaßen exponiert und wurde dafür stark kritisiert - dabei war mein Überzeugung, dass das, was man hatte, nicht so gut und so unantastbar ist, um sich darauf auszuruhen. Die grundsätzlich gute Idee, dass nicht mehr die vorgetragenen Lehrstunden der Professoren am wichtigsten sind, sondern die Arbeit des Studierens, wie viel von deiner Lebenszeit du dafür brauchst, ist meiner Meinung nach eine sinnvolle und fruchtbare Umstellung.

In Ihrer Beschäftigung mit Platons "Staat" tauchen sogleich die "Politikberater" auf - Bildung wird mit der Bildungsgeschichte Europas und dem sozialen Aufstieg gekoppelt.

Hrachovec: Platon ist gerade in der Schrift, die alle Bildungsapostel zitieren, der ärgste Staatsplaner und totalitäre Technokrat, ein Sozialingenieur des Gemeinwesens. Mich interessierte das Szenario des Höhlengleichnisses - des Aufstiegs. Diese Idee, sich aus dem Dunkel zu befreien und ans Licht zu kommen, war eine ideale Vorlage für das Christentum. Das Gute wurde durch Gott ersetzt - solange der Glaube funktionierte, hatte Christus eine Erlöserfunktion -, davon blieb dann später nur die Struktur; in der Aufklärung wird der Mensch zum Selbsterlöser. Die Schwierigkeit dabei - man braucht gehörigen Glauben, um am Umstand, dass Menschen ihr eigenes Glück verwalten, nur die positiven Seiten zu sehen. Es lässt sich nachweisen, dass die Verwaltung des Glücks durch die Menschen ziemlich viele Katastrophen produziert hat.

Einer Ihrer Kronzeugen dieser Dialektik der Aufklärung ist Heidegger.

Hrachovec: Er sah, dass der Glaube an diese Muster entleerter religiöser Gehalte problematisch ist. Die Ironie besteht darin, dass Heidegger - inklusive Nationalsozialismus-Touch - eine revolutionäre Attacke gegen das Bildungsbürgertum und das Professorale geritten hat. Mit gedankenloser Gläubigkeit haben sich die deutschen Bildungsphilosophen nach dem Zusammenbruch dieser revolutionär-nazistischen Geschichte in eine akademische Gemeinschaft Heidegger-Gläubiger verwandelt. Das ist relativ amüsant, und der Gerechtigkeit halber muss man sagen: nicht alle; es gab auch Kantianer und Hegelianer, die standhaft blieben.

Bei Ihnen spielt Wittgensteins Begriff der "Lebensform" eine wichtige Rolle.

Hrachovec: Bildung war für Wittgenstein, der gebildet war, kein wichtiger Begriff. Meine Überlegungen zu Wittgenstein basieren darauf, dass das, was wünschenswert sein kann, eine Lebensform ist. Wie etwa die Lebensform des kleinen österreichischen Weinbauern. Sie wird durch Weinimporte billigster Art infrage gestellt; dennoch besteht sie. Sie kann nicht für die ganze Weltwirtschaft produzieren. Dafür aber hohe Qualität herstellen. Man kann damit in einer hochtechnisierten Welt leben. Und so wie es diese Lebensform des Weinbauern gibt, so gibt es auch die Lebensform des Gebildeten. Bildung ist ein geglückter Verschnitt verschiedener Ingredienzien. Dazu gehören die Kenntnis von Schriften, von Rede und Argumentationsweisen, die Einschätzung des Verhältnisses von Wirtschaft und Kunst sowie Urteilsfähigkeit - alles zusammen ergibt im besten Fall eine gelungene Cuvée.

Herbert Hrachovec:

Platons ungleiche Erben. Bildung und Datenbanken.

Löcker, Wien 2010

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