Die "Kultur der Armut" - einst und heute

Dieter Hönig | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Anthropologie?Oscar Lewis hat den Begriff "Kultur der Armut" geprägt - heute wird damit Politik gemacht

Die Armen sind gezwungen, in überfüllten Elendsquartieren zu leben, jeglichem Individualismus abzuschwören, ein Herdendasein zu fristen, in Alkohol und Drogen Zuflucht zu suchen und nicht nur bei Streitigkeiten, sondern auch in der Erziehung ihrer Kinder häufig rohe Gewalt anzuwenden."

So beschreibt der US-Anthropologe Oscar Lewis 1959 jene Lebensweise, die er bei der Erforschung der Lebensbedingungen sogenannter Dritte-Welt-Länder vorfand. Jene "Kultur der Armut" verewigte Lewis eindrucksvoll in der Ethnografie "Five Families: Mexican Case Studies in the Culture of Poverty".

Kennzeichen der "Kultur der Armut" sei eine mit individueller Frustration und fehlender sozialer Organisation einhergehende gesellschaftliche Ausgrenzung. Sie entwickle sich im Kontext der Dauerarbeitslosigkeit und führe zu entsprechenden Reaktionen und Lebenseinstellungen bei den Betroffenen: dauernde Geldknappheit, niedrige Qualifikation, fehlende Zukunftsplanung, Misstrauen gegenüber Behörden, Gefühle der Hilflosigkeit etc.

Im Mittelpunkt seiner Theorie steht die These: Ist die "Kultur der Armut" einmal entstanden, so verselbstständige sie sich gegenüber ihren (materiellen) Entstehungsbedingungen und bleibt auch dann noch aufrecht, wenn diese nicht mehr wirken. Das gilt auch für die Kinder der Armen. Weil arme Menschen nicht mehr in der Lage seien, ihre Bedürfnisse hinaufzuschrauben, investierten sie weder in ihre eigene Ausbildung noch in die ihrer Kinder.

Für Lewis stellt die "Kultur der Armut" eine Reaktion auf die Lebensbedingungen derjenigen dar, die vom materiellen Wohlstand ausgeschlossen sind. Sie ist somit keine bewusste Reaktion der Abgrenzung. Das eigentliche Problem für die Überwindung der Armut sei die "Kultur der Armut" selbst. Als einzige Lösung sieht er eine von außen kommende Intervention, etwa die kompensatorische Erziehung, da der Armut allein mit finanzieller Unterstützung nicht beizukommen sei. Diese Erziehung wurde in den 1960er-Jahren in den USA mit dem Ziel entwickelt, die schulischen Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien zu steigern.

In den frühen 1980er-Jahren wird das Konzept "Kultur der Armut" von Charles Murray, einem in den USA einflussreichen konservativen Politikanalysten und Bestsellerautor aufgegriffen.

Im Gegensatz zu Lewis sieht Murray die Maßnahmen des Wohlfahrtsstaats und ihre Empfänger selbst dafür verantwortlich, dass sich unter Sozialhilfeempfängern Faulheit, Gewaltbereitschaft und Drogenmissbrauch ausbreiteten und von Generation zu Generation weitervererbt würden. Für ihn liegt es daher nahe, Bekämpfung von Armut im Abbau sozialstaatlicher Unterstützung zu betreiben. Ein Denkansatz, der auch in Europa nicht unbekannt ist. Er lastet soziale Ausgrenzung ausschließlich den Ausgegrenzten selbst an und ignoriert global-kapitalistische Armutsproduktion sowie die Ungleichverteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

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