Kommentar

Rumfordsuppe

Armenausspeisung

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Der Geist der Vergangenheit wehte dieses Jahr auf dem Münchner Oktoberfest. Zum 200-jährigen Jubiläum wurde auf der "historischen Wiesn" die gute alte Zeit heraufbeschworen: traditionelles Festzelt, Spezialbier und historische Münchner Gerichte inklusive. Besonderes Schmankerl auf der geschichtsträchtigen Speisekarte: die Rumfordsuppe, ein über zwei Jahrhunderte altes Eintopfgericht.

Seit 1795 wird diese spezielle Münchner Suppe schon gekocht. Der US-amerikanische Physiker Benjamin Thompson erfand die nahrhafte und vor allen Dingen preisgünstige Speise im Auftrag des damaligen bayerischen Kurfürsten, um einerseits Soldaten, andererseits Bettler und Arbeitslose im Arbeitshaus zu versorgen. Seine Brühe, die in der Urform hauptsächlich aus Graupen, Erbsen, Wasser und Essig bestand, war im Preis-Leistungs-Verhältnis so unschlagbar, dass sie Thompson nicht nur den Titel "Graf von Rumford" einbrachte, sondern in weiterer Folge zum Standardgericht für Bedürftige in den öffentlichen Suppenküchen ganz Europas avancierte und im Lauf der Jahre in immer neuen Varianten zubereitet wurde.

Nach 200 Jahren hat sich die Rumfordsuppe vom ehemaligen Armeneintopf zur traditionellen Spezialität gemausert. Überflüssig geworden ist sie damit allerdings nicht, nach wie vor sind Menschen auf die Versorgung durch Gratismahlzeiten angewiesen. Die Suppenküche des 21. Jahrhunderts heißt Tageszentrum, Essensbus oder Sozialmarkt.

So teilte im Jahr 2008 das Wiener Obdachlosenbetreuungszentrum Gruft 82.266 Portionen Essen an Bedürftige aus. Im Schnitt waren das 234 essende Personen pro Tag und exakt 26.165 Portionen mehr als noch vor zehn Jahren. Der Canisibus und der Francescobus der Caritas, die allabendlich an fixen Stationen in Wien Halt machen, versorgen Menschen mit warmer Suppe sowie Brot und Tee. Auf 62.000 ausgeschenkte Teller brachte es der Canisibus 2008. Die Wiener Tafel dagegen bringt ihre täglich gesammelten überschüssigen Lebensmittel aus Handel und Industrie zu Sozialeinrichtungen, die die Produkte dann an Bedürftige weitergeben. Damit werden Tag für Tag etwa 9000 Personen versorgt.

Die Ideen der Armenversorgung sind vielfältiger, die Rezepte variantenreicher und die Speisepläne ausgewogener geworden. Für die Betroffenen ist das Grundproblem jedoch das Gleiche geblieben wie vor 200 Jahren. Mehr als 13 Prozent der österreichischen Bevölkerung gelten derzeit als arm bzw. armutsgefährdet - Tendenz steigend.

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