Durch die Bank arm?

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Viele Menschen geraten durch zu hohe Kredite in Armut. Das nährt die Angst vor und den Ärger über die Banken. Aber sind die wirklich schuld?

Wenn das Finanzsystem einen Mangel hat, dann den, dass es die menschliche Natur widerspiegelt und ihre Extreme noch steigert."

Für Historiker wie Niall Ferguson ist der Aufstieg des Geldes trotz negativer Begleiterscheinungen die Voraussetzung für den Aufstieg des Menschen. Armut gehe nicht auf ein Zuviel an Banken, sondern auf deren Fehlen zurück. Aufgabe des Einzelnen wäre, sich genau mit den Funktionen von Krediten und Zinsentwicklungen zu befassen. In dieser Hinsicht verharren viele Menschen immer noch in der Kant'schen "selbstverschuldeten Unmündigkeit". Und die kann arm machen.

Amerikas Anfänge: Kredite

Im 18. Jahrhundert lebte die US-Wirtschaft vom Grundnahrungsmittelexport nach Europa. Nach der Unabhängigkeit etablierte sich eine Subsistenzwirtschaft. Zwischen dieser und der industriellen Revolution kam es zu einer Entwicklung, die der US-Historiker Charles Sellers eine "Market Revolution" nannte, "one of the most turning points in American history".

Es war die Zeit nach dem Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 bis 1814 und dem Ende der First Bank of the United States. Diese wurde zur Schaffung einer nationalen Währung 1791 mit einer Konzession für 20 Jahre etabliert; Konflikte um ihre Verfassungsmäßigkeit verhinderten die Verlängerung der Konzession.

Wachstum, Profit und der Drang nach Westen prägten die Zeit: Verführt durch schnelle Kredite, wurden viele, die in einer Subsistenzwirtschaft vom Naturaltausch gelebt hatten, über Nacht zu Unternehmern. Private Banken vergaben Kredite in Form von Papierwechseln ("bank notes"), verborgten aber mehr, als sie hatten - um ihren Stockholdern Dividende zu zahlen.

Das funktionierte, so lange die First Bank existierte. Nach deren Ende stieg die Zahl der kreditgebenden Banken enorm - und das System brach zusammen. Die zu Unternehmern gewordenen Kleinbauern verloren nicht nur Hab und Gut, sondern hatten obendrein Schulden.

Rettung und Kontrolle der unterkapitalisierten Banken versprach die 1816 in Philadelphia auf 20 Jahre gegründete Second Bank - eine Bankenkooperation mit enger Beziehung zur Regierung. Sie wurde rasch zu einem Hort der Korruption in den Händen des Establishments. Etwa durch die Vergabe politisch motivierter Darlehen, was Spekulation im großen Stil ermöglichte. Als der Markt zu überhitzen drohte, wurden Kredite fällig gestellt. Es folgte die Wirtschaftskrise von 1819.

Rettung versprach Andrew Jackson, siebter Präsident der USA von 1829 bis 1837. Er war der erste "Volkspräsident" und kam nicht nur aus dem Süden (Tennessee), sondern auch von der "frontier" - der Siedlergrenze im Westen.

Hier herrschten Basisdemokratie und die Skepsis gegenüber den Eliten. Jackson brachte diese Skepsis mit nach Washington und kämpfte gegen die Second Bank: Etwa indem er ab 1833 die staatlichen Einlagen nicht mehr dort, sondern in bundesstaatlich konzessionierten Banken deponierte - und sich 1836 weigerte, die Konzession der Second Bank zu verlängern.

Amerikas Angst: Zentralbank

Eine echte Zentralbank, die FED, gab es in den USA erst 1913. Gründe dafür sieht Günter Bischof, Historiker an der University of New Orleans, in einer prinzipiellen Skepsis: "Die konspirative Grundhaltung haben die US-Amerikaner von den Briten übernommen - man befürchtete immer das Schlimmste vom Machthunger der Regierungen. Heute manifestiert sich das als die 'Anti-Washington-Stimmung' der Tea Party. Eine Bank, die das Geld in Washington verwaltet, gilt als Inbegriff zentraler Machtausübung - obwohl die FED Filialen in der Provinz hat. Sie wird als Ausgeburt Washingtons gesehen, die mit ihrer Zinspolitik das Schicksal der Bürger bestimmt. Ihr wird mehr Macht zugesprochen, als sie wirklich hat."

Bischof verweist auf Parallelen in der Geschichte: "In der Periode des Populismus der 1880er- und 1890er-Jahre, als wegen der wirtschaftlichen Entfaltung der 'Räuberbarone' und des rasanten Wachstums zu wenig Geld im Umlauf war, machten die Farmer im Westen und Süden auch die 'Wall Street' für ihre wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Damals gab es keine Zentralbank - trotzdem waren die Banken der Sündenbock!"

Ökonomischer Sachverstand fehlt

Und heute? Haben Bürger die Macht, durch ihr Verhalten eine Bank ins Unglück zu stürzen, oder ist es die Bank selbst, die Konsumenten in den Ruin treibt?

"Ich halte die Verallgemeinerung 'die Bank' für problematisch", meint Peter Berger, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der WU Wien, "eine Bank besteht aus vielen Verantwortungsträgern - und daher auch aus verschiedenen Auffassungen." Hat die Bank einen moralischen Anspruch, eine öffentliche Verpflichtung? "Zuerst müsste der Unfug, der betrieben wird, abgestellt werden", sagt Berger. "Das Ethos der Verkäufer gehört überprüft. Man kann nicht alten Leuten auf dem Land riskante Papiere mit langen Laufzeiten andrehen. Aber es passiert. Bei Missbrauch ist der Gesetzgeber gefordert. Doch wie sollte eine Bank an sich moralisch sein?"

Bei dem "im Rahmen des Erlaubten und Möglichen" Geschehenden pocht Berger auf Eigenverantwortung: "Wenn Informationen über Finanzprodukte vorhanden und erfahrbar sind, sollte man sie einholen. Doch in Österreich gibt es wenig ökonomischen Sachverstand. Banken sind nicht per se böse; sie sind ein Instrument des kapitalistischen Systems."

Berger erwähnt das 400-PS-Auto, das niemand braucht, das man deshalb aber auch nicht verbieten sollte. "Warum auch? Aber es sind Verstand und Vernunft des Einzelnen gefordert. Der Staat müsste mündige Bürger produzieren, die damit umgehen können, wenn man sie mit solchen Unsinnigkeiten konfrontiert."

Armutsfalle "Kontrollillusion"

Warum findet das 400-PS-Auto trotzdem Abnehmer, die dafür jahrelang Raten zahlen? "Zukünftige Kosten wie die Kreditrückzahlung werden diskontiert", erklärt Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Uni Wien.

"Subjektiv werden die tatsächlichen Kosten geringer eingeschätzt, als sie tatsächlich im Laufe der Zeit erlebt werden. Da die Raten gestückelt und in der Zukunft fällig sind, ist die 'Summe kleiner Schmerzen in der Zukunft' aus aktueller Sicht gering. Allerdings wird das erworbene Gut schneller zur Selbstverständlichkeit, als Kreditnehmer üblicherweise annehmen. Die übersteigerte Kontrollillusion und Überoptimismus tragen weiter zu manchmal leichtsinniger Kreditnahme bei."

Dennoch werden immer mehr und höhere Kredite aufgenommen - und nicht nur in den USA mit 1,5 Millionen Privatkonkursen jährlich, wo selbst Urlaub und Schmuck auf Pump gekauft werden.

"Wir leben in einer hedonistischen Zeit", meint Kirchler, "viele Menschen haben nach dem Kauf eines Guts sehr schnell das Gefühl, sie brauchen jetzt schon wieder etwas Neues."

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